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Teil 8
Jenseits der Walachei

Das Prasseln des Regens aufs Zeltdach hat auf mich eine sehr beruhigende Wirkung. Seit mehr als einer Woche haben wir nun schon mit regelmäßig wiederkehrenden, heftigen Niederschlägen zu kämpfen. Aber wenn ich nachts in meinem Schlafsack liege, und es draußen wieder schlimm tost, dann finde ich das sehr gemütlich. Bei richtigen Gewittern muss man sich Stöpsel in die Ohren tun, sonst bekommt man kein Auge zu. Aber sonst? Herrlich!

Vernünftiges Equipment begünstigt natürlich eine gewisse Gelassenheit. Wer auf seiner Luftmatratze in einem vollgelaufenen Zelt aufwacht, findet das selbstverständlich alles andere als gemütlich. Behrang, beispielsweise, hat sich ein gar nicht mal schlechtes Zelt gekauft, dass ihn auch schon durch Marokko und auf allerlei anderen Touren begleitet hat. Mit der Zeit lässt aber bei allen modernen Materialien die wasserabweisende Wirkung nach, und so muss sich Behrang nun schon seit ein paar Tagen stets eine große Plastikplane über sein Zelt legen, damit er nachts nicht nass wird. In der Camping-Stil-Note gibt das natürlich ganz klar Punktabzug!

Auf ein letztes, gemeinsames Frühstück müssen wir heute Morgen verzichten. Denn Sebastian, Behrang und ich haben einen Beschluss gefasst: Wenn es weiter regnet, dann wollen wir keine Zeit mehr in den Karpaten verschwenden, so schön die Landschaft auch sein mag. Wir hatten die Region um Brașov, in der wir uns jetzt befinden, von Deutschland aus als das Kerngebiet unserer Tour definiert. Von hier aus waren diverse Ausflüge in die Berge, durch Schluchten und ins Gelände geplant. Aber im Dauerregen macht all das keinen Spaß.

Für den Fall also, dass es am Morgen nach wie vor regnet (was es munter tut), haben wir beschlossen, in einem Rutsch runter bis ans Schwarze Meer zu fahren. Zugegeben – mit über 400km im Regen eine knackige Etappe. Aber der Wetterbericht verspricht einen schmalen Streifen Sonnenschein entlang der Küste, von Bulgarien bis rauf zur Ukraine. Dort wollen wir hin.

Wir verabschieden uns voneinander. Trotz aller Widrigkeiten waren die vergangenen vier Tage schön. Es ist zwar nicht die geplante, große Runde geworden, dennoch gebührt Sarah mein Respekt. Fast 1800 Kilometer weit hat sie es auf ihrer ersten Tour bis hierher schon geschafft. Und das ist weiß gott kein Pappenstiel.

Noch auf leeren Magen müssen wir im Regen den ersten Pass überqueren. Erst im Ort Bușteni finden wir dann eine Bäckerei, die sich auf Brezel zu spezialisiert haben scheint. Unter einem mit Bauschaum sehr lebensecht gestalteten Ausstellungsstück wird direkt aus einem kleinen Fenster verkauft.

Bockwurst, Käse und Speck – Ein Frühstück für Gewinner! Was sich im Innern unserer geliebten Teigtaschen jeweils befindet, ist oft eine Überraschung. Enttäuscht werden wir aber nie.

Wir kommen zunächst nur schleppend voran. Die Nationalstrasse 1, auf der wir fahren, ist die wichtigste Verbindung zwischen Budapest und Bukarest und dementsprechend gut befahren. Als Europastrasse 60 führt sie von Brest in Westfrankreich bis zur chinesischen Grenze.

Gegen Mittag fahren wir bei Ploieşti schließlich auf eine der wenigen rumänischen Autobahnen und können ordentlich Gas geben. Eine Maut ist für Motorräder nicht fällig, für alle anderen KFZ schon.

Bei Bukarest biegen wir auf die gut ausgebaute A2 ab. Vor allem Sebastian hatte sich in der Planungsphase gegen einen Besuch der Rumänischen Hauptstadt ausgesprochen. Ich hätte mir zwar gern den Parlamentspalast angesehen (das größte Gebäude Europas), stand mit diesem Wunsch aber allein da.

Die A2 läuft bis zum Meer fast schnurgerade ostwärts. Links und rechts erstreckt sich die endlose Weite dessen, was bei uns historisch als Walachei bezeichnet wird. Die Bedeutung des Begriffes im heutigen Sprachgebrauch kommt unserem jetzigen Eindruck ziemlich nah, denn die Walachei ist weit weg, es dauert eine ganze Weile bis man sie durchquert hat, und optisch ändert sich unterwegs – gelinde gesagt – ziemlich wenig.

Auch wettermäßig hat sich die Lage bis jetzt nur geringfügig verändert. Mehrfach rupfen wir uns unterwegs die Regenklamotten vom Leib, nur um dann nach wenigen Kilometern feststellen zu müssen, dass es doch wieder anfängt zu regnen. Dieser Wetterbericht liegt mit seiner Küstenprognose besser richtig… sonst wird hier jemand richtig sauer!

An einer Tankstelle bekommt Behrang Stielaugen angesichts dieses 9-sitzigen Monsters der rumänischen Gendarmerie.

Nach Wien und Budapest überqueren wir bei Cernavodă zum dritten Mal auf unserer Tour die Donau. Direkt neben der neuen Autobahnbrücke liegt die alte König Carol I.-Brücke, die bei ihrem Bau mit über vier Kilometern die längste Brücke Europas war. Auf der anderen Seite angekommen, taucht am Himmel dann ein erstes blaues Fleckchen auf:

Musik: „No. 4. Bucsumi tanc (Bucsumi Dance)“ by Javorkai, Sandor

 

Ein letztes Mal donnert uns Petrus beim Ablegen der Regenhosen hinterher, dann klart der Himmel auf. Am späten Nachmittag hat sich die Stimmung in der Hafenstadt Constanța bereits merklich verbessert. Was ein Bisschen Sonne im Gesicht doch ausmachen kann!

Während Sebastian bei den Motorrädern bleibt, kaufen Behrang und ich ein paar Biere, Cola und etwas zum Grillen ein. Danach wird ein Campingplatz am Strand angepeilt – mit Blick aufs Schwarze Meer!

! ! !

Mit offenen Mündern staunen wir dem Horizont hinterher. Ist das zu fassen? Schwer zu glauben, dass wir heute morgen noch kalt und klamm aus unseren Zelten gekrochen sind.

So schwer zu glauben allerdings auch wieder nicht, denn am frühen Abend zieht vom Land her dichter Nebel auf. Mitten in unser Abendessen! Unverschämt.

Bei einer neben uns feiernden, rumänischen Großfamilie leihen wir uns einen Grill, den Sebastian direkt ordentlich einheizt. Wenn schon Nebel – dann leckeren!

Vor allem rumänische Bratwürste haben wir schon jetzt lieben gelernt. Die groben stehen den deutschen in nichts nach. Es gibt sie in dick, dünn, scharf oder mild. Gefüllt mit allem, was vier Beine hat und kein Tisch ist.

Bei den Beilagen halten wir uns vornehm zurück. In Sauce ist schließlich auch Gemüse drin.

Als es dunkel wird, schallen durch den Nebel Partymusik-Fetzen von der wenige Kilometer entfernten Strandpromenade zu uns herüber. Ob wir dort morgen mal vorbei schauen sollen?
Heute genießen wir erst mal die laue Meeresluft und das leise Rauschen der Wellen.
Kann einen schlimmer erwischen!

Die Etappe: 411km
Heute alles richtig gemacht – Früh aufgebrochen, Kniegas gegeben, lange Geraden, kurze Pausen. Da könnte man morgen eigentlich mal die Sonne genießen… oder man nutzt den Schwung und fährt direkt weiter ins Donaudelta. Oder doch lieber einen Abstecher ins 60km entfernte Bulgarien? Von Constanța fährt sogar eine Fähre nach Istanbul… Optionen über Optionen!

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