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Teil 7
Wenn man schon mal hier ist…

Die ganze Nacht durch hat es geschüttet wie aus Eimern, auch ein Gewitter zog über uns hinweg. Tief in unsere Schlafsäcke gekuschelt, sind wir über das feste Dach über unseren Köpfen doch ganz glücklich.

Aber was bedeutet die anhaltende Wetterlage für unsere Tour? Für die meisten von uns ist es der Jahresurlaub. Etwas, auf das man sich lang gefreut, auf das man hingearbeitet hat. Seit gut einer Woche sind wir nun unterwegs, und die Reise hat uns bis jetzt vor allem eins gebracht: Regen.

Als Sebastian, Behrang und ich uns aus unseren Betten schälen, brechen Sarah und Stefan gerade auf. Eine echte Option ist das getrennt fahren ehrlich gesagt nicht. Natürlich können wir immer einen Bogen fahren, um am Abend wieder irgendwo gemeinsam zu campen. Aber mehr als 150km Strecke würden wir so trotzdem nicht schaffen, und genau darum geht es gerade. Wenn wir wirklich noch das Schwarze Meer sehen wollen, müssen wir endlich anfangen, nennenswert Kilometer zu machen.

Das einzige, was uns davon wirklich abhält, ist, neben dem Wetter, Sarahs fehlende Routine. Auf den Schnellstrassen gestern ist zwar deutlich geworden, dass sie genau so zügig vorwärts kommt, wie der Rest von uns. Die dafür nötige Aufmerksamkeit kostet aber, wie bei jedem Fahranfänger, sehr viel Energie. Wenn man etwas schon viele Jahre tut, unterschätzt man oft, wie viel Konzentration mit Routine eingespart werden kann. Wer erinnert sich noch an seine erste Fahrt am Steuer eines Autos? Während der Fahrt unterhalten – das ging damals nicht. Aber mit der Zeit hat sich eine gewisse Routine eingestellt, Handlungen wurden verinnerlicht, Reflexe entlasten das Oberstübchen.

Am Wetter können wir nichts ändern. Aber den anderen Punkt müssen wir heute Abend wirklich zur Sprache bringen.

Vor der Abfahrt ringe ich mich noch zum zweifelhaften Vergnügen einer Dusche unter freiem Himmel durch. Die Hoffnung auf warmes Wasser muss ich nach fünf Minuten, komplett eingeseift, aufgeben.

Die ersten 30km vergehen auf Sibius nagelneuer Umgehungs-Autobahn wie im Flug. An ihrem Ende suchen wir uns in einer kleinen Ortschaft ein Plätzchen zum frühstücken. An einer Bäckerei kaufen wir eine gemischte Tüte Gebäck.

Traumhaft leckere Blätterteigtaschen – gefüllt mit Kirsche, Pflaume oder Käse.

Gegenüber setzen wir uns auf die Terrasse einer kleinen Bar und bestellen Mokka.

Nach in paar Minuten gesellt sich Stammgast Pavel zu uns. Eine Blätterteigtasche möchte er nicht, aber eine Zigarette nimmt er gern. Bei einem Glas Wasser erzählt er uns, wo in Deutschland er überall gearbeitet hat. Wenn jemand schon lange kein Wort Deutsch mehr gesprochen hat, dann ist es sehr witzig, Begriffe wie Mönchengladbach, Kaiserslautern oder Baden-Baden aus seinem Mund zu hören.

Als alle Blätterteigtaschen verputzt sind, verabschieden wir uns, und machen uns auf den Weg.

Vierzig Kilometer weiter zweigt die Strasse zum geschlossenen Fagaras-Pass ab. Da wir den ganzen Tag Zeit haben und es einigermaßen trocken ist, beschließen Sebastian, Behrang und ich, bis zur Sperre und wieder zurück zu fahren. So könnte man zu Hause einigermaßen glaubwürdig behaupten, die beste Strasse der Welt gefahren zu sein. (Zumindest wenn es nach Top Gear geht, bitte vorspulen bis 4:45!)

Von Norden kommend, gewinnt die Strasse schnell an Höhe. Auf wieder einmal ziemlich schlechtem Asphalt kurven wir durch einen dunklen Wald. Von der tollsten Strasse der Welt ist momentan nicht viel zu sehen. Als nach einigen Kilometern dann auch noch Nebel dazu kommt, ist unser Abstecher die Mühe im Grunde genommen nicht mehr wert: Das Fahren macht keinen Spaß, eine Aussicht ist praktisch nicht vorhanden, und den Pass überqueren, ihn quasi auf der persönlichen Liste „abhaken“, können wir auch nicht. Was machen wir dann noch hier?

Auf 1200m Höhe endet schließlich der geöffnete Teil der Fogarascher Hochstrasse. In einer großen Serpentine warten diverse Souvenir- und Imbissbuden auf die hier umkehrende Reisenden. Die eigentliche Absperrung der Strasse liegt etwa 50m höher. Zwei dicke Leitplankenmodule aus Beton liegen quer auf der Fahrbahn. Im Nebel kann man es fast nicht erkennen – aber von hier unten sieht es ein Bisschen so aus, als könnte ein Motorrad zwischen den Betonblöcken hindurchpassen.

Moment mal! Wie bitte?

Wir fahren vor bis zur Absperrung. Und in der Tat: Einer der Betonblöcke ist gerade so weit nach vorn gezogen worden, dass man daran vorbei kommen könnte! Freude am Fahren und eine schöne Aussicht dürften wir zwar auch im weiteren Verlauf nicht haben. Aber eine Chance, diesen außergewöhnlichen Pass überhaupt zu überqueren, darf man eigentlich nicht unversucht lassen. Zumal uns Schnee weiter oben wahrscheinlich ohnehin einen Strich durch die Rechnung machen wird.

Wir drücken uns also an der Absperrung vorbei – und schrauben uns im immer dichter werdenden Nebel die Transfogarasche Hochstrasse hinauf. Wer hätte das gedacht!

Links und rechts der Serpentinen türmt sich der schmelzende Schnee – aber die Strasse bleibt zu unserer Überraschung frei. In Abständen von fünf Minuten muss ich mittlerweile wegen des Nebels Brille und Visier trocknen, so dicht ist er. Aber gut – Immerhin haben wir uns schon vom Fahren unter einer Regenwolke zum fahren durch eine Regenwolke verbessert!

 

Auf einer Höhe von 2042m unterqueren wir dann den Karpaten-Gebirgskamm durch einen fast 900m langen Tunnel. Der ist zwar dunkel wie ein Bärenarsch, auf der anderen Seite empfängt uns aber allerfeinster Sonnenschein. Wie beim Schlaraffenland! Zu dem muss man sich auch erstmal durchfressen.

Wir wollen unseren Augen kaum trauen.

Von der Passhöhe abwärts wartet die Transfogarasche Hochstrasse sogar mit ganz ordentlichem Asphalt auf. Ich verabschiede mich von den beiden Eintopffahrern und verspreche, unten auf sie zu warten.

Auf dem Weg begegne ich zwei Autos, die uns vorher schon einmal aufgefallen waren: Ein neuer Ford Mustang und ein Golf RS32 – beide mit deutschen Kennzeichen. Fahrer und Besatzung entpuppen sich auf Nachfrage als amerikanische Soldaten, die in Deutschland stationiert sind, und zum Party machen ans Schwarze Meer wollen. Toi, Toi, Toi, Jungs!

Eine Stunde später ist es vorbei mit der trockenen Höhenluft. Im Regen erreichen wir den Vidraru-Stausee.

Über eine gigantische Staumauer fahren wir auf die gegenüberliegende Seite, wo ein deutscher Mörtel- und Kleber-Produzent seine Produkte anpreist. Die Werbung ist so groß wie ein Hochhaus.

Obacht! Viehtrieb auf der Nationalstrasse 7.

In Curtea de Argeș müssen wir tanken. Die Tatsache, dass wir, anders als erwartet, den Hauptkamm der Südkarpaten nun doch schon überquert haben, bedeutet auch, dass unsere Tagesetappe deutlich länger wird. Von hier aus müssen wir wieder gut 100km Richtung Nordenosten fahren, um Sarah und Stefan in der Ortschaft Bran zu treffen.

Zwei Pässe und eine gefühlte Million Schlaglöcher später kommen wir am frühen Abend im Dracula-Dorf Bran an. Der ganze Ort scheint sich zu 100% diesem einen Thema verschrieben zu haben. Am Fuße des vermeintlichen Schloss von Herrn Vlad hat sich eine Vielzahl von Gewerben angesiedelt: Souvenirhändler zum Beispiel, oder Souvenirhändler, oder hier und da auch mal ein Souvenirhändler.

Die Haupteinnahmequelle der Bürger von Bran scheint aber die Parkplatzvermietung zu sein. Kaum sind wir von der Hauptstrasse rechts ran gefahren, um telefonisch Kontakt mit Sarah und Stefan aufzunehmen, werden wir um die anfallende Parkgebühr gebeten. Mit dem Telefon in der Hand bitten wir um Verständnis – wir würden umgehend weiter fahren. Als die Kassiererin uneinsichtig bleibt, bezahlen wir doch noch. Mit einem ganz speziellen Finger.

Stefan lotst uns zum Vampire-Camping, keine halbe Minute vom Schloss entfernt. Auf dem weiträumigen Gelände haben Sarah und er schon ihr Zelt aufgeschlagen, wir pflanzen uns daneben. Da es unerbittlich weiterregnet, bauen wir direkt auch das Tarp auf, eine große Zeltplane abgespannt über zwei Stangen.

Von Vlad dem Pfähler erzählt man sich, dass er, wie wir, gern im Wald gegessen hat. Nur eben nicht in einem Wald aus Bäumen, sondern in einem aus Türkischen Soldaten, wie dieser zeitgenössische Holzschnitt zeigt:

Wir mögen es gern etwas weniger aufwändig. Darum soll es heute Abend einfach nur Spaghetti Bolognaise geben, ohne Wald. Ordentlich Knoblauch kann aber sicher nicht schaden!

Zu meinem ausgesprochenen Mißmut gibt mein erst vor kurzem gekaufter Campingstuhl unvermittelt nach. Beim Hinsetzen bricht das Alugestänge an einer Verschraubung, und ich sorge durch meinen Fall für große Freude unter den Reisenden.

Bei einem Teller Nudeln und einer anschließenden Runde Uno erzählen wir von unseren jeweiligen Erlebnissen. Für Stefan tut es uns fast ein Bisschen leid – natürlich wäre die Etappe auch für ihn ein absolutes Highlight gewesen. Aber klar, die eigene Freundin lässt man nunmal nicht allein durch die Karpaten fahren, erst recht nicht als Anfängerin.

Der einzige, der das Problem im Vorfeld überhaupt hatte kommen sehen, war Sebastian. Wir anderen hatten uns nichts dabei gedacht, dass Stefan jemanden mitbringen wollte, der immerhin doch deutlich sportlicher ist, als beispielsweise Behrang oder ich. Aber an der Fitness hängt es eben nicht. Es hängt an der Routine, an der Fähigkeit, auch mal >400km abreissen zu können, wenn es nötig ist.

Bevor wir die Sprache auf das Thema bringen können, ergreifen Sarah und Stefan das Wort. Sie erklären, dass sie wieder umdrehen würden, zu zweit. Um uns nicht weiter zu bremsen. Sie hätten mehrere Varianten durchgespielt, und dies wäre die praktikabelste. Nach einem Tag Pause würden sie mit den erprobten 150km/Tag zurück nach Wien fahren, und von dort mit dem Autoreisezug weiter nach Feldkirch.

Aus fünf mach drei. Puuuh, das ist hart.
Aber im Grunde genommen weiß jeder, dass es die beste Lösung für alle ist.

Gleichermaßen traurig und erleichtert verbringen wir den letzten gemeinsamen Abend auf der überdachten Terrasse des Campingplatz-Restaurants. Es regnet in Strömen.

Vor den Waschräumen entdeckt Behrang einen elektrischen Handtrockner, der in den folgenden Stunden von uns allen abwechselnd als Stiefel-, Pulli und Sockentrockner zweckentfremdet wird. Kuschelig warmgefönt sprinten wir danach durch den Regen zurück zu unseren Zelten, und schlafen im Land des Obervampirs in Sekunden ein.

Die Etappe: 281km
Alles anders als geplant: Von Sibiu nach Bran, siebenbürgisch: von Hermannstadt nach Törzburg, sind bei uns heute statt 150km doch noch ein paar Kilometer mehr zusammen gekommen. Es war ein Umweg, der sich wahrlich gelohnt hat. Auch die Reisegruppe soll ab morgen eine andere sein. Obwohl: So anders nun auch wieder nicht, schließlich haben wir den größeren Teil der bisherigen Etappen bereits zu dritt zurück gelegt.

Allein beim Wetter bleibt immer noch alles beim alten. Und genau das wird morgen eine grundsätzliche Planänderung erforderlich machen.

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