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Teil 6: Von Tal zu Tal

Am nächsten Morgen wird nicht lang rumgetrödelt. Wir bauen die Zelte ab, frühstücken und satteln auf. Unsere Regenklamotten verstauen wir griffgünstig oben – noch scheint uns die Sonne zwar gewogen zu sein, aber der Wetterbericht war diesbezüglich unmissverständlich.

 


Mit einer Packung Taschensonne bereitet sich Dirk auf den Tag vor.

 

Der Kurs ist schnell beschrieben: Entlang der Dora Baltea, dem Fluss durch das Aostatal, verlassen wir die Westalpen. Auf der Autobahn geht es dann über die Poebene ostwärts, an Mailand vorbei bis kurz hinter Brescia. Am Westufer des Gardasees biegen wir dann Richtung Südtirol ab, über Trient und Bozen wollen wir am frühen Abend im Sarntal ankommen.

 

 

Die Etappe ist, wie erwartet, wenig spektakulär. Der erste Regen erwischt uns schon im Aostatal, kurz vor der Autobahn. Wir fahren rechts ran und werfen uns in volle Montur: Wasserdichte Handschuhe, Regenhose und Regenjacke. Jede Lücke wird gestopft, jede Tasche geschlossen, alles noch mal kontrolliert – wie bei einem Taucher, der diszipliniert seinen Anzug anlegt weil er weiß, dass er gleich in einem Element verschwinden wird, in das der Mensch eigentlich nicht gehört.

Erfreulicherweise regnet es im weiteren Verlauf dann aber in Intervallen, was zum einen der Vorteil hat, dass die Klamotten zwischendurch immer wieder abtrocknen, zum anderen aber den Nachteil, dass man die wasserdichte Schicht nonstop anbehalten muss.

 

 

Als wir am frühen Nachmittag die A4 hinter Brescia verlassen, spielt die Schrankenanlage der Mautstelle verrückt. Nach unserem Vordermann bleibt die Schranke einfach offen stehen, der Automat will unsere Tickets – und somit unser Geld –  nicht annehmen.

Etwas ratlos rollen wir auf den Parkplatz hinter der Mautstelle. Über das gesparte Geld bin ich im Grunde genommen ja nicht unglücklich. Aber nur so lang, bis uns ein anderer Motorradfahrer erklärt, dass wir auf jeden Fall noch vor Ort versuchen sollten, die Situation zu klären. Die italienischen Autobahnbetreiber seien überaus hartnäckig, wenn es um das Eintreiben nicht bezahlter Rechnungen ginge. Maut, die der Nutzer – egal, aus welchem Grund – nicht sofort entrichten kann, müsse binnen 15 Tagen nachgezahlt werden, sonst würde ein Bearbeitungszuschlag anfallen. Mautforderungen der italienischen Betreibergesellschaften werden in Deutschland zwar nicht im Verwaltungsverfahren vollstreckt, jedoch wird bei der nächsten Benutzung einer italienischen mautpflichtigen Autobahn das Fahrzeug identifiziert und die Maut nacherhoben. Oha!

Wer jetzt auf die schlaue Idee kommt, wir hätten vor dem kaputten Automaten doch einfach wenden und eine andere Durchfahrt wählen können, dem sei gesagt: Das Zurücksetzen oder Wenden vor Mautstellen wird mit Bußgeldern bis zu 6.000 Euro, Fahrverbot bis zu zwei Jahren und Stilllegung des benutzten Fahrzeugs bis zu drei Monaten bestraft. Dies gilt auch, soweit die Durchfahrt an der gewählten Spur nicht möglich ist, etwa, weil die Viacard oder Kreditkarte nicht akzeptiert wurde oder versehentlich eine Telepass-Spur gewählt wurde.

Dirk nimmt sich der Sache an und tänzelt zwischen den aus der Mautstelle herausbeschleunigenden Autos zurück zu unserer Schranke. Nach ein paar Minuten hat er tatsächlich einen Bediensteten der Autobahngesellschaft aufgetrieben, bei dem wir nachträglich zahlen können. Nice Job, Dirk!

 


Am Gardasee machen wir zwei Pausen, die erste im Süden, in Toscolano Maderno, wo wir vor dem wiederholt einsetzenden Nieselregen in einen überdachten Hauseingang an der Promenade flüchten. Die Aussicht ist wunderbar, und so packen wir ein paar Sachen für ein Vesper aus und machen es uns mit Blick auf die an- und ablegende Fähre nach Torri del Benaco gemütlich.

 

Die zweite Pause machen wir nur ein gutes Stündchen später in Riva, wo wir in einem Café direkt am Wasser einkehren und zwei Cappuccino bestellen. Die Stimmung ist wider Erwarten gut – dank des bisher moderaten Intervallregens. Eine halbe Stunde verbringen wir so mit dem unerlaubten Füttern von Spatzen und dem Blick auf den in der Tat ganz schönen Gardasee. Ich selbst war noch nie hier – obwohl ich sowohl Deutscher, als auch Motorradfahrer bin. Aber irgendwann ist eben immer das erste Mal!

 

 

Auf dem Weg zurück zu den geparkten Maschinen fängt es dann aber richtig zu Schütten an. Mit Müh und Not schaffen wir es gerade noch in die Regenklamotten. Visierwischend nehmen wir das letzte Drittel der Etappe in Angriff.

Und diesmal bleibt der Regen. Artig reihen wir uns in eine endlose Schlange aus Autos und Wohnmobilen ein, das Schlusslicht des Vordermannes immer fest im Blick. Was für eine Waschküche!

Trotz der widrigen Witterung entschließen wir uns, statt der Schnellstraße durchs Tal eine Schleife über die Dörfer und den Mendelpass zu fahren. Die nasskalten Strassen reduzieren unsere Durchschnittsgeschwindigkeit aber so sehr, dass wir den Pass erst am frühen Abend erreichen. Die eigentlich schöne Serpentinenabfahrt durch einen dichten Wald hinunter nach Bozen müssen wir schon bei völliger Dunkelheit bewältigen.

Als wir weitere 60 Landstrassenkilometer später endlich in Durnholz eintreffen, sind wir ziemlich am Ende. Aber Frau Hofer strahlt uns an und zeigt uns eine schöne Kammer mit Seeblick, die sie schon ordentlich eingeheizt hat. Leider gäbe es so spät am Abend im Tal wahrscheinlich nichts warmes mehr zu essen, sagt Frau Hofer, aber wir könnten es trotzdem mal im Jägerhof auf der anderen Seite des Sees versuchen.

Also raus aus den nassen Sachen und rein in einen trockenen Martini! Mit vorgeschnallter Stirnlampe laufen Dirk und ich zu Fuß durch die Nacht in die Ortschaft. Pfarrgasthof und Fischerwirt haben schon geschlossen – im Jägerhof brennt aber in der Tat noch Licht!

Die Küche ist zwar auch hier schon kalt, aber ein Bier steht schnell auf unserem Tisch. Ein Bisschen was kleines zum Essen wird sich auch noch Auftreiben lassen, sagt uns der Hausherr beiläufig, und tischt dann nach ein paar Minuten das hier auf:

 


Ein Bisschen? Ein Brettl wie gemacht für uns. Die Begeisterung ist groß!

 

 

Mortadella, Südtiroler Speck und Käse – was will man mehr? Die Platte versöhnt uns mit der Plackerei der vergangenen Stunden. Bei Bier und Bundesliga lassen wir den Tag ausklingen, und fallen danach mit mächtiger Bettschwere in unsere Kojen.

 

Und das beste kommt noch: Morgen soll sich auch die Sonne wieder blicken lassen!

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