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Teil 5: Tag der 1000 Kurven

Genau wie ich gehört auch unser Gastgeber Alberto zur schreibenden Zunft: Im Valle Varaita ist Alberto Burzio sowas wie der offizielle Chronist. Er hat für verschiedene Lokalzeitungen in Saluzzo gearbeitet und war Korrespondent der Zeitung „La Stampa“. Seit mehr als 30 Jahren sammelt „Barba Bertu“ zudem Lebensgeschichten aus der Region. Drei Bände hat er schon herausgegeben.
Klar, dass sich da auch das Frühstück ganz um die Region dreht: Es gibt Brot von hier, Tomaten von hier, Käse aus der Region und Honig vom Imker um die Ecke. Dirk und ich genießen alles, auch wenn unser Schädel einen Rollmops viel nötiger gehabt hätte. Aber die gibt es in der Region nun einmal nicht.

 


Kastanien- und Tausend-Bergblumen-Honig. Die Freude ist groß, ersterer war nämlich schon immer mein absoluter Lieblingshonig.

 

Der optimistisch bestellte Schwarztee kommt – wenig überraschend – als einsamer Fertigbeutel in zu großer Kanne daher. Ich muss mir das wirklich mal hinter die Ohren schreiben: Tee trinken darf man in Ostfriesland, bei den Türken und Arabern, höchstens noch in England. Aber verdammt noch mal nirgendwo anders. Punkt. Bestell die Kernkompetenzen deines Gastgebers, und keinen Schierschandudel, nur weil Du gefragt wirst. So.
Jedenfalls beschließen Dirk und ich, in unserer Bar von gestern Abend noch einen anständigen Kaffee nachzulegen, als Starthilfe für den Tag. Der wird es nämlich in sich haben:

 

 



Knackige 400km sind angesetzt, die Route geht über den italienisch-französischen Grenzpass Col Agnel, den Col d’Izoard, den Col de l’Iseran und den kleinen Sankt Bernhardt. Da bekommt man doch schon beim Lesen feuchte Augen!
Aufmerksame Leser werden nun anmerken, dass uns diese Streckenführung ja doch wieder nach Italien führt. Dem kann ich nur erwidern: Ja, das stimmt. Aber unsere Tanks werden voll sein mit französischem Sprit und unsere Herzen voll mit der Liebe zur Grande Nation. Da hält man es auch in Italien noch eine Nacht länger aus.
Zudem markiert dieser Kurzausflug nach Frankreich, so schade das auch sein mag, den Umkehrpunkt unserer Reise. Vier Tage noch, dann geht es für Dirk und mich wieder nach Hause.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Bei bestem Mopedwetter schrauben wir uns auf den Agnel hinauf. Ein toller Pass, den, zumindest ich, auf meiner persönlichen Kopf-Landkarte bisher gar nicht vermerkt hatte. Dabei ist der nur 13m niedriger als das Stilfser Joch!

 


Vor meiner nächsten Reise muss ich unbedingt daran denken, mir MOTOPOLY-Aufkleber machen zu lassen.

 


Aus der Gegenrichtung flitzen uns zwei Kollegen entgegen, wobei der hintere eine Multistrada fährt. Dabei dachte ich, dass die auf solchen Strecken immer vorn fahren? Naja, will vielleicht nichts kaputt machen.

 


Ein schönes Foto macht der Ducfahrer trotzdem von uns.

 

Danach geht es direkt weiter auf den Col d’Izoard. Bei einem halben Dutzend Pässen auf 400km müssen wir uns sputen. Sicher gibt es Bückeisenfahrer, die deutlich mehr schaffen, aber zu denen gehören Dirk und ich eben nicht. Wir bleiben auf den Pässen stehen, gucken auch mal links und rechts, machen Fotos. Vor allem ich nutze zudem unterwegs gern jede Gelegenheit, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Das ist für mich das Salz in der Suppe jeder Reise.

Und genau so eine Gelegenheit bietet sich uns plötzlich – hier oben auf dem bitterkalten Izoard.

 


Kaum haben Dirk und ich die Maschinen für das obligatorische Foto abgestellt,
ruft uns von hinten jemand zu, ob wir nicht reinkommen wollten? Draussen wäre
es doch sicher arschkalt!

 

 


Das ungewöhnliche Angebot kam aus dem geöffneten Küchenfenster dieses Schlachtschiffes.

 

Wenig später finden wir uns auf bequemen Sesseln in einem mukkelig-warmen Wohnzimmer wieder, auf 2400m Höhe, mit einem dampfenden Kaffee in der einen, und einem Spekulatius in der anderen Hand. Ein holländisches Ehepaar ist auf dem Weg gen Süden. Sie erzählen uns, das würden sie jedes Jahr so machen, im Herbst hauen sie ab und kommen erst im Frühling wieder. Unterwegs laden sie alles ein, was ohne vier Wände unterwegs ist.

Ein Fahrradfahrer, dem vor Erschöpfung schon die Nase trieft, wird gleich noch hinterhergeholt.

 


Home sweet Home! Für mich ganz klar Plan B, falls es auf zwei Rädern mal nicht mehr klappt.

 

Als ich den rosa Gastgeber frage, wie er diesen Koloss bloß durch die engen Kehren bekommt, antwortet seine Frau (hinter der Kamera), ihr Mann wäre vom Fach, nämlich Brummifahrer. Nach zwanzig Minuten sind wir zwei Tassen Kaffee reicher und schön aufgewärmt. Wir bedanken und verabschieden uns. Der Fahrradfahrer will noch ein Bisschen bleiben.

Zu Dirks Missmut ist während unseres Holland-Kurzurlaubes die GoPro an seinem Heck weitergelaufen. Das hat den Akku zwar ordentlich leergelutscht und den Speicher mit einem Standbild vollgemüllt, lässt sich im Nachhinein aber prima als Zeitraffer verarbeiten. Zum Glück war es bewölkt!

 

 

In Briançon wird getankt, danach geht es über den Col du Montgenèvre wieder nach Italien. Im Susa-Tal machen wir auf der Bundesstraße endlich ordentlich Strecke, vorgestern sind wir hier schon zum Sommeiler entlang gefahren. In Susa selbst biegen wir diesmal allerdings Richtung Norden ab, und finden oberhalb der Stadt ein tolles Plätzchen für die Mittagspause.

 


In Italien ist wirklich jedes noch so kleine Sträßchen von Streetview abgedeckt.

 

 


Speisen wie die Götter!

 


Salami und französisches Baguette für den einen…

 


… Schoko-Croissants und Stopfleber für den anderen.

 

 

Danach geht es, am Lac du Mont Cenis vorbei, direkt wieder nach Frankreich. Leider sind See und Hochplateau ziemlich wolkenverhangen, bei schönem Wetter hätte man hier, auf immerhin fast 2000m Höhe, sicher gleich die nächste Pause machen können. Diesmal setzen Dirk und ich aber nicht einmal den Helm ab, so kalt ist es. Griffheizung an und weiter im Text!

 


Kurz vor dem Iseran, im kleinen Örtchen Bonneval-sur-Arc, justieren wir noch einmal die Kameras.

 


Wer aus seinen Urlaubsvideos einen halbwegs interessanten Film schneiden möchte…

 


… sollte unbedingt hin und wieder mal die Kameraposition wechseln.

 


Angekommen auf dem Col de l’Iseran liegt auf 2770m sogar schon ganz ordentlich Schnee.

 


Dank mittlerweile auch bei Dirk vorhandener Gesichtsbehaarung halten wir es aber ganz gut aus.

 


Allein mit den Größenverhältnissen scheint auf dem Iseran irgendetwas nicht zu stimmen.

 

 

Zwei Drittel der Strecke sind geschafft. Aber meine Kräfte schwinden merklich, was zum einen auf das schier endlose Kurvengewedel, zum anderen aber auch auf die mittlerweile bittere Kälte zurückzuführen ist. Gestern hatten wir noch überlegt, uns für heute einen Campingplatz kurz vor oder hinter dem Großen Sankt Bernhardt zu suchen. Bei Temperaturen um 0° wünsche ich mir nun aber nichts mehr als einen kuscheligen Schlafplatz gaaaanz tief unten im Tal. Und am ehesten würde sich da das Aostatal anbieten. Dirk scheint noch deutlich mehr Reserven zu haben.

Eine Übernachtung im Schweizer Rhonetal würde uns vor allem für die morgige Etappe in eine wesentlich bessere Ausgangsposition bringen. Nachdem wir das mit Bettenburgen vollgestopfte Val-d’Isère durchquert haben, beschließen wir aber angesichts der fortgeschrittenen Stunde bei einem doppelten Espresso, den nächstbesten Supermarkt im Aostatal anzusteuern, und dann einen der vielen Campingplätze am Fluß zu nehmen.

 


Dirks Spezialschaum-Sitzauflage – Das Geheimnis hinter seinem unermüdlichen Kurvendurst?

 

 

 

Der Kleine Sankt Bernhardt kann landschaftlich bei den anderen Pässen von heute schon nicht mehr mithalten. Bauarbeiten haben große Teile des Strassenverlaufs in Mitleidenschaft gezogen: Entweder die Strasse ist dreckig, oder schlichtweg nicht mehr vorhanden. Die letzten Energien gehen also auch noch für erhöhte Konzentration drauf.

Endlich unten im Tal angekommen, stellt sich uns ein weiteres Problem: Auf jedem Campingplatz stehen wir vor verschlossenen Türen. Einen Camping-POI nach dem anderen klappern wir ab, stehts mit dem selben Ergebnis. Die Saison ist vorbei, die Rezeptionen unbesetzt, die Schranken zugekettet.

Erst kurz vor Aosta werden wir mit bereits einsetzender Dunkelheit fündig: In einem winzigen Rezeptionshäuschen schaut ein junger Mann von seinem Laptop auf und heißt uns dann freundlich auf Camping Monte Bianco willkommen. Er weist uns einen Platz direkt am Eingang zu, nicht gerade erste Wahl, aber Dirk und mir ist alles recht. Im Nu haben wir die Zelte aufgeschlagen und die Kocher angefeuert.

 


Nach dieser Tagesleistung haben wir uns was anständiges verdient.

 


Platz ist in der kleinsten Pfanne! Steak, gerahmt von einer italienischen Salsiccia.

 


Dazu Kartoffeln und Salat. Sogar der Splügen-Pass rechts daneben ist schon wieder befahrbar.

 

Satt und zufrieden setzen wir uns an die Tagesplanung für morgen. Was wir heute nicht geschafft haben, kommt auf das nächste Pensum drauf. Zwei Alternativen gibt es: In der Schweiz ein paar schöne Strecken fahren, und dann übermorgen günstig auf eidgenössischen Autobahnen Richtung Osten übersetzen. Oder schon morgen in einem Rutsch nach Südtirol knattern, um dann dort noch ein paar Klassiker abzugrasen.

 

Die Entscheidung nimmt uns – wieder mal – Petrus ab: Für beide Varianten ist schlechtes Wetter vorhergesagt. Und unter diesen Bedingungen erscheint die Transitlösung nach Südtirol etwas erträglicher. Denn schöne Kurven sind im Regen nicht mehr schön.

Der erste Routenentwurf am Gardasee vorbei ergibt kernige 500 Kilometer. Das bedeutet: Früh losfahren – und am besten morgens schon wissen, wo das Bett steht – am besten ein richtiges. Gegen Ende einer schlimmstenfalls mehrstündigen Regenfahrt wirkt ein bevorstehender Zeltaufbau nämlich nicht gerade motivierend.

Telefonisch frage ich also bei Familie Hofer in Durnholz an, ob Sie für Dirk und mich ein freies Zimmer haben. Ich habe dort vor Jahren schon einmal übernachtet, und meine Freundin hat früher regelmäßig ihren Skiurlaub dort verbracht. Der Hof der Familie liegt zwar auf kühlen 1600m – unter dicken Daunendecken könnte uns das aber herzlich egal sein!

„Morgen Abend? Ja sicher, kommts rum!“ lacht Frau Hofer ins Telefon. Und nimmt uns damit schon mal eins unserer Probleme ab.

Die anderen beiden aber bleiben.
500km. Im Regen.

One Thought on “Teil 5: Tag der 1000 Kurven

  1. tokioman on 20. Februar 2013 at 15:21 said:

    Einfach herrlich Euch beiden da zu zuschauen!
    Gruß Peter

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