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Teil 5
Steiles Stelldichein

Die Nacht auf fast 2200m war kalt, wenn auch nicht so kalt, wie befürchtet. Ich hatte neben meinem bewährten Daunenschlafsack sicherheitshalber auch noch eine BW-Unterkunftsdecke aus Wolle dabei, die Dinger kann ich sehr empfehlen. Aber als die Sonne am frühen Vormittag endlich in den Kessel scheint, wird es im Zelt schnell zu warm.

Wenn man in den vergangenen Tagen morgens immer vom Wecker geweckt wurde, weil man ein bestimmtes Streckenpensum schaffen musste, ist es eine tolle Abwechslung, ausschlafen zu können. Auf meiner Luftmatratze liegend schaue ich aus dem geöffneten Zelt dem bunten Treiben zu. Jetzt bei Tag mischt sich der Motorensound mit dem von Kuhglocken und dem Rauschen der Wasserfälle. Ein toller Ort. Warum bin ich erst jetzt zum ersten Mal hier?

Nach einem Frühstück mit Espresso und Rührei vom Hobo machen wir einen kleinen Spaziergang und schauen uns die Lager und Maschinen der anderen Stellisten an. Die Mischung ist wirklich international, ich entdecke Kennzeichen aus Finnland, Ägypten, Spanien oder Polen. Die hatten auch alle eine weite Anreise. Die meisten Gäste kommen aber wohl aus Deutschland, Frankreich und Italien. Und es kommen immer mehr, auch heute, am Samstag noch.

 

Auch die Klientel selbst ist bunt gemischt. Es gibt reichlich Globetrotter, die obligatorischen Dickschiffheinis im Cross-Hemd, ein paar Vespa-Fahrer, viele Eintöpfe. Aber kaum Cafe-Racer oder frisierte Bärte in Jeans. Wer hier in einer Trialmaster auftaucht, hatte das Teil schon, als Belstaff noch cool war.

Mitten durchs Lager läuft ein Bach, der sich aus den Wasserfällen ringsum speist. Er ist auch die einzige Brauch/Trinkwasserquelle hier oben.

Toiletten oder Dixieklos gibt es nicht. Zum Verrichten ihrer Notdurft steigen die meisten ein paar Meter die Hänge hinauf und buddeln ein Loch. Meinen Beobachtungen zufolge stellen sich dabei aber alle halbwegs verantwortungsvoll an, es fliegt kein Papier durch die Gegend. Und augenscheinlich auch kein sonstiger Müll.

Schon am Morgen knistern überall Feuer vor sich hin. Das Brennholz haben alle auf ihren Motorrädern hierher gebracht.

Mante entdeckt ein Feuer mit „Herdplatte“. Tolle Idee! Man muss nur darauf hoffen, dass sich keine Feuchtigkeit in dem in der Umgebung gefundenen Stein mehr befindet. Sonst können einem die gebratenen Rippchen um die Ohren fliegen.

Das Wasser im Bach ist arschkalt. Aber Mante springt trotzdem tapfer in die Fluten. O-Ton: Man hat am Anfang ein paar Sekunden, wo es noch nicht weh tut.

Oben auf der Stella gibt es Null Handyempfang. Ich muss runter nach Bardonecchia fahren, weil ich versprochen habe, mich täglich zu hause zu melden. Der einzige Supermarkt des Ortes ist rappelvoll mit schlammverkrusteten Crossfahrern und eingestaubten Enduristen.

Ich bringe Zutaten für eine schöne Bohnensuppe mit Speck mit und fange an zu kochen. Genau das richtige für einen Abend am Feuer. Sobald die Sonne weg ist, wird es frisch.

Nebenan campen ein paar Jungs aus Torgau, die uns am Feuer Gesellschaft leisten. Einer von ihnen ist schon ziemlich stramm, und kann einfach nicht aufhören zu sabbeln. Genau was man an so einem Lagerfeuer haben möchte. NICHT!

Aber irgendwann pennt Carsten einfach ein. Wir bugsieren noch seine Stiefel aus dem Feuer und genießen die Stille. Unter uns funkelt ein Meer aus Lagerfeuern und Stirnlampen.

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