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Teil 4
Über & Unter den Wolken

Auch in unserer letzten Nacht an der Adria hat es wieder geregnet. Die See ist immer noch aufgewühlt und es bläst ein strammer Wind.

Da mein MSR-Benzinbrenner schon eingepackt ist, übernehmen Mante und sein Esbit-Kocher das Frühstück. Zum Aufwärmen von Speisen taugen die kleinen Trockenspiritus-Würfel durchaus. Zum Kochen aber, oder immer dann, wenn man die Flamme genau dosieren muss, sind sie ziemlich ungeeignet. Beim Packmaß ist Erich Schumms Brennstoff in Tablettenform allerdings der unangefochtene King im Ring. Nur ein Lagerfeuer braucht im Gepäck weniger Platz.

Auf den Frühstückstisch kommt… ach herrjeh, ich würde sagen: Reis mit gebratener Salami.

Danach machen wir uns auf den Weg. Unter einem stürmischen Himmel fahren wir über Landstraßen Richtung Norden. In Slowenien wollen wir uns auf dem Weg noch die eindrucksvollen Tropfsteine in den Höhlen von Postojna anschauen.

Auf dem Weg dorthin fängt es aber dermaßen stark an zu regnen, dass wir unseren Plan über den Haufen werfen, und lieber direkt bis zum nächsten Campingplatz durchfahren wollen. Am Segelflugplatz von Postojna kenne ich ein Flieger-Restaurant, in dem alte Holzpropeller, Fliegermützen und dergleichen an der Wand hängen und es obendrein eine ganz passable Pizza gibt. Dort kehren wir ein, um uns etwas aufzuwärmen, und um die nassen Klamotten zumindest vorübergehend vom Leib zu kriegen.

Ich bestelle eine scharfe Pizza mit Peperoni, die aber, wie meist auch in Deutschland, allenfalls etwas brennen würde, wenn man sie sich aufs Auge legen würde. Mante bestellt eine Pizza mit Pilzen und einen Kakao. Zum Nachtisch gönne ich mir eine Portion Tiramisu und schütte mir einen doppelten Espresso direkt in die linke Herzkammer. Bereit für die letzten 100km durch den slowenischen Regenwald!

Als wir am Nachmittag über die smaragdgrüne Soča zu Vilis Campingplatz fahren, scheint die Sonne, und auch unsere Klamotten sind fast wieder trocken. Das ist das tolle am Motorradfahren: So schnell, wie man pitschnass wird, so schnell bläst einem der Fahrtwind die Feuchtigkeit auch wieder aus den Federn!

Auch Vilis kleiner Campingplatz gehört zu meinen Lieblingsunterkünften in der Gegend. Viljem hat hier alles selbst gebaut – bzw. ausgebaut. Von terrassenartig angelegten Zeltplätzen unter Obstbäumen, über eine als Gemeinschaftsraum nutzbare Scheune, bis hin zum mit liebevollen Details gestalteten Sanitärbereich. Von vorn bis hinten ein muckeliger Ort! Und das alles direkt an der rauschenden Soča.

Allein wer keine Tiere mag, wird es bei Vili unter Umständen schwer haben. Überall laufen kleine Kätzchen, Enten, Spatzen und Forellen herum. Nagut, letztere sind vor allem in Vilis Bratpfannen anzutreffen, in die sie voller Freude direkt aus der Soča springen. Der Hausherr ist hier nämlich auch Koch und bereitet ein ausgezeichnetes Abendessen zu: Fleisch vom Grill, Käse aus der Region, Enteneieromelette oder eben Forelle (der Frische wegen auf Bestellung).

Mante und ich haben mit Tieren kein Problem, weder auf dem Teller, noch auf dem Sattel.

Statt für eine Nacht noch mal unsere Zelte zu bemühen, und doch nur zu riskieren, dass sie morgen wieder klatschnass sind, bietet uns Vili an, einfach in der Scheune zu pennen. Für solche Fälle hält er ein paar Feldbetten bereit, nur den eigenen Schlafsack muss man mitbringen. Mante und ich nehmen dankend an, und fallen nach einer gerillten Forelle mit Polenta satt und müde in unsere warmen Lager.
In der Nacht wird dann aber deutlich spürbar, dass wir mittlerweile wieder 200km weiter nördlich und näher an den Alpen sind: Mante und ich frieren in unseren Schlafsäcken wie die Schneider! Mantes Theorie ist, dass man in einem kleinen Zelt eher ein bisschen Wärme aufbauen kann, als in einer Scheune, und dass wir sie deshalb lieber hätten aufbauen sollen. Wenigstens schaut hin und wieder eine Katze vorbei und spendet uns am Fußende für ein Stündchen Wärme.

 

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Ein großer Pott Kaffee aus Vilis Kaffeemaschine bringt uns nach dem Aufstehen auf Arbeitstemperatur. Bevor wir morgen wieder nach Hause fahren, wollen wir noch ein paar Höhenmeter sammeln. Und eine der schönsten Strecken der Ostalpen liegt direkt vor unserer Tür: Die Mangartstraße – immerhin der höchste legal anfahrbare Punkt in den Julischen Alpen. Wir verabschieden uns von Vili und knattern los.

Die Mangartstraße (die kein Pass, sondern eine Sackgasse ist) war früher einmal geschottert, komplett vom Abzweig am Predilpass bis zum höchsten Punkt knapp über 2000 Meter. Nach einem ziemlich desaströsem Erdrutsch im Herbst 2000 war die Strecke lang geschlossen, und wurde dann im Zuge der Räumung asphaltiert. Was dem Fahrspaß allerdings keinen Abbruch tut! Die schnellen, schmalen Kurven, Kehren und Tunnel lassen sich wunderbar fahren. Mante und ich haben ordentlich Spaß (der 5€ kostet – falls das Mauthäuschen besetzt sein sollte).

Hundert Meter unterhalb des höchsten Punktes ist die Strasse dann per Verkehrsschild wegen eines Felssturzes geschlossen. Aber Mante und ich lassen es drauf ankommen und fahren bis ganz nach oben weiter, wo dann auch schon eine ganze Schar von weiteren Motorradfahrern wartet.

 

 

Am Rand des kleinen Parkplatzes geht es 600 Meter senkrecht hinunter – was für mich als Flachlandbewohner nun wirklich gar nichts ist! Näher als 2 Meter traue ich mich nicht an die Kante heran, und auch Mante hält gebührend Abstand.

Danach geht es den Weg wieder nach unten, den wir gekommen sind, und von dort über den Predilpass, den Nassfeldpass und den Gailbergsatel Richtung Hohe Tauern. Die wollen wir diesmal weiter westlich queren, via Felbertauerntunnel.

Unsere letzte Nacht in den Alpen verbringen wir in Matrei in Osttirol, auf etwa 1000 Meter Höhe. Die Sonne hat sich nun schon länger nicht mehr blicken lassen, allerhöchste Zeit, dass wir nach Hause kommen.

Im Nieselregen bauen wir unsere Zelte im willkürlich ausgewählten Camping „Edengarten“ auf, der Besitzer war erst misstrauisch, dann pampig, dann nahm er unser Geld doch.

Wir kochen ein letztes mal im Schneidersitz, ohne unsere Motorradklamotten abzulegen. Es ist naß und kalt und ungemütlich, ich trinke schnell ein Dosenbier. Die Wohnwagencamper schauen uns mitleidig an, schnüren unentschlossen um uns herum, und kommen dann doch und fragen mit dem Weinglas in der Hand nach unserer Tour.

Wenn wir dann von abgelegenen Feldwegen erzählen, unserem Ausflug zu Winnetou und der Fahrt über den Mond, den Nächten am Lagerfeuer – dann sind sie es plötzlich, die mitleidig angeschaut werden.

 

 

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Am nächsten Tag donnern wir Richtung Berlin, es regnet durchgängig Katzen und Hunde, eine Heimfahrt zum Abgewöhnen. In München besteigen wir schließlich den Autozug nach Wannsee, allemal besser als weitere 600 Autobahnkilometer im Regen abzureißen.

Unter einer kuscheligen DB-Fließdecke dösen wir im warmen Abteil vor uns hin, zeigen uns gegenseitig Fotos auf dem Handy, lassen unsere Tour noch einmal Revue passieren. Eine abwechslungsreiche, entspannte, schöne Motorradreise ist unser Herbstquickie geworden, trotz aller Kurzfristigkeit.

Oder – gerade wegen.

 

ENDE

One Thought on “Teil 4
Über & Unter den Wolken

  1. Freerk, reiseführer No. 1!

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