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Teil 4
Flotter Schotter

Die ganze Nacht hindurch regnet es, und mir graut schon vor einer nassen Auffahrt auf den eiskalten L’Iseran. Als wir uns dann am Morgen aus den Zelten trauen, nieseln aber nur noch die letzten Tropfen von den uns umgebenden Bäumen ab. Der Himmel ist bedeckt aber trocken. Dann mal los!

Der Plan ist ambitioniert: Wir wollen zügig über den Col de L’Iseran, dann via Mont Cenis rüber nach Italien, in Susa dann einkaufen und von dort dann über den Colle delle Finestre in die Assietta-Kammstraße starten. In der letzten Motorrad-Abenteuer stand ein schöner Artikel über ein paar Jungs, die einfach oben auf der AKS übernachtet haben, das wollen wir auch.

 

Kurz vor der Passspitze warten auf beiden Seites des L’Iseran dick eingemümmelte Fotografen, die jeden Vorbeifahrenden mehrmals knipsen. Wenn man will, kann man auf einer Internetseite die entstandenen Fotos kaufen.

Die Preise für ein Foto variieren, je nach Auflösung, zwischen 10€ und 23€.

Bin gespannt, wie sich dieses Geschäftsmodell unter der neuen DSGVO entwickelt…

Auf dem L’Iseran angekommen ist es wie erwartet ziemlich frisch, Klausi und ich lassen den Helm gleich auf. Mit Respekt beobachten wir eine Reihe von Trocken-Langläufern auf Rollski, die sich von der Südseite auf den Pass gequält haben. Oben angekommen springen sie förmlich in einen wartenden Kleinbus, um nach der schweißtreibenden Aktion nicht zu schnell auszukühlen.

Klimatisch wartet in Italien eine andere Welt auf uns. Bei der Abfahrt nach Susa wird es mit jedem Höhenmeter wärmer. Wir schaffen 30 Grad Temperaturdifferenz in einer halben Stunde – beziehungsweise: die Differenz schafft uns! In Susa angekommen reiße ich mir Windbreaker und Pulli vom Leib, ist das eine Hitze!

Schleunigst kehren wir in einen klimatisierten Supermarkt ein und kaufen Wasser und was man so braucht für die Übernachtung im Gipfelfort Gran Serin. Danach geht es über Schotter rauf auf den Colle delle Finestre, wo überraschend viel los ist. Oben warten schon reichlich Zweirad-Kollegen, sogar Tourer sind dabei.

Von der anderen Seite kommt man über Asphalt auf den Pass, und die meisten Besucher fahren wohl dort rauf, und auch dort wieder runter. Wir haben mehr vor: Nach ein paar Hundert Metern geht rechts die Einfahrt zur Assietta ab, mit reichlich Warn- und Verbotsschildern ausgestattet. Meines Erachtens sind das ja immer nur Haftungsausschlüsse.

 

Mante und ich zwitschern munter vorne weg, Klaus manövriert seinen Roller angemessen hinterher. Der Zustand der Strasse ist für Enduros total okay, natürlich gibt es hier und dort ziemlich happige Passagen mit großen Steinen und glatten Felsplatten. Aber wir kommen gut voran.

Wir kommen sogar so gut voran, dass wir schon am frühen Nachmittag auf der Passspitze sind. Wir fangen an zu grübeln, was wir die nächsten Stunden hier oben überhaupt machen sollen. Schlafsack auspacken, Feuer machen – und dann?

Nach einigem Abwägen planen wir kurzerhand noch einmal um: In den uns noch verbleibenden sechs Stunden Tageslicht könnten wir es noch bis zum Stella Alpina-Treffen selbst schaffen. Mit dieser dazu gewonnenen Übernachtung könnten wir dann morgen sogar einen kompletten Ruhetag machen.

Wir packen unsere Sachen wieder zusammen und machen uns auf den Weg. Am Refugio Casa Assietta werde ich dann winkend von einem unbekannten Fahrer gestoppt. Ein Sturz hatte auf der rechten Seite seiner GS eine Koffer-Halterung zerstört. Ralf fragt, ob ich vielleicht einen Spanngurt dabei habe. Einen? Sechs! 

Dann war es also doch noch zu was gut, dass ich in Freiburg keinen Briefkasten mehr gefunden habe. Am Ende schenke ich ihm zwei Gurte, und Ralf verspricht, sich auf der Stella zu revanchieren. Dort will er nämlich auch hin.

Fast endlos ist dann der Weg ins Tal. Über 50 Kilometer Schotter kommen inklusive der Auffahrt zum Finestre heute für uns zusammen. Bis wir schließlich hinter Bardonecchia am Fuße des Sommeiler sind, ist die Stunde doch recht fortgeschritten – und wir ziemlich fritte. In einer Kehre fahren wir noch einmal rechts ran und sammeln ein paar Pinienstämme zum Feuer machen ein.  Ich belade quer, Mante längs:

Und dann, nach über anderhalbtausend Kilometern, kommen wir endlich auf der Stella Alpina 2018 an. Und es ist wirklich ein Traum.

X-ADV müde. X-ADV schlafen.

Bei der Suche nach einem geeigneten Plätzchen für unsere Zelte müssen wir allerdings ziemlich schnell feststellen, dass die trockenen Flächen schon alle vergeben sind. Wir müssen auf höher gelegene Bereiche ausweichen. Und der Weg dorthin führt durch reichlich tiefen Morast. Was für uns in ziemliches Geochse ausartet, ist für den Rest der etwa 500 Stella-Gäste natürlich ein großer Spaß. Aber in den kommenden Stunden und Tagen sollte es das für uns auch sein, bei den noch später eintreffenden Gästen!

Am Abend steigen über unzähligen Lagerfeuern kleine Rauchsäulen in den sternenklaren Himmel. Über allem liegt das Rauschen diverser Wasserfälle rund um den kleinen Talkessel. Natur pur. Nur unterlegt vom permanenten Klangteppich der Zwei- und Viertackter, die gnadenlos in den Begrenzer gejagt werden. Herrlich!

Und als i-Tüpfelchen kommt dann sogar noch Ralf vorbei und bringt mir zum Dank für die Gurte ein paar Dosen Bier. Fängt schon mal gut an!

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