Post Navigation

Teil 3
Ausflug zum Mond

In der Nacht stürmt es draußen wie wild, meine Campinglaterne baumelt an der Zeltdecke wie ein Positionslicht auf hoher See. Windböen zerren über Stunden heftig am Zeltgestänge, Blitz und Donner lassen den Boden vibrieren, ergiebiger Regen prasselt auf die Außenhaut. Mante und ich können froh sein, dass wir alles ordentlich verankert haben. Was in Kroatien manchmal gar nicht so einfach ist. Die steinigen Böden der Campingplatzterassen machen das Einschlagen von Heringen oft kompliziert. Wir haben beide ein Zelt von Vaude mit stabilen Heringen aus einer Aluminiumlegierung, mit denen geht es einigermaßen. Wer hier mit Sand- und Wiesenheringen sein Glück versucht, kann sich bei Sturm im Grunde genommen gleich mit einem Gleitschirm auf einen Baum setzen und warten.

Als einer der schnellsten Winde der Welt (bis 250Km/h) macht die Bora hierzulande bei weitem nicht nur Campern zu schaffen. Auch unter Fischern und Häuslebauern entlang der gesamten Nordwest-Küste Kroatiens gilt sie als gefürchtet. Ich selbst habe (auf eben diesem Campingplatz) schon Stühle und komplette Wohnwagen-Vorzelte durch die Luft selgeln sehen.

Ganz so schlimm hat es unsere Nachbarn nicht erwischt, aber die Spuren der vergangenen Nacht sind deutlich zu erkennen. Eine fünfköpfige Teenager-Gruppe aus Ungarn war gestern nach Einbruch der Dunkelheit noch angekommen und hatte ihre Unterkunft im Schein der Taschenlampen notdürftig verzurrt. Gut, dass die beiden Zelte im Innern jeweils mit 2-3 Jugendlichen beschwert waren, sonst hätte man sie heute Morgen wahrscheinlich suchen müssen.

Auch auf einer der unteren Terassen in Strandnähe sind Verluste zu beklagen. Ein Pärchen aus Süddeutschland ist noch mal mit dem Schrecken davon gekommen: Nach dem Harley-Treffen am Faaker See wollten die beiden eigentlich noch weiter gen Süden tuckern. Damit der Popo auf dem Altmetall aus Milwaukee dabei nicht so schlimm leidet, reisten Mensch und Material kurzerhand im Transporter mit angehängtem Wohnwagen, wobei die Maschinen im Vorzelt übernachten durften.

Die stürmische Erfahrung der letzten Nacht hat den beiden aber gereicht, und sie machen sich wieder auf den Nachhauseweg.

Da der Himmel schon längst wieder aufgerissen ist, machen Mante und ich uns nach einem schnellen Frühstück auf den Weg zu unserer Inselrundfahrt. Als erstes kaufen wir für Mante in Senj ein paar Neoprenschuhe, die in Kroatien für Vielschwimmer unerlässlich sind. Danach fahren wir auf der Küstenstrasse südwärts bis nach Prizna, um dort eine Fähre nach Pag zu nehmen.

Die heftigen Regenfälle der vergangenen Nacht haben auch auf den Strassen ihre Spuren hinterlassen. Überall liegen Steine und Felsen herum, mal kleinere, mal größere:

 

Als das Hindernis beseitigt ist, können wir endlich weiter. Etwa 50km sind es bis zum Fähranleger.

Die Ankunft auf Pag ist immer wieder ein Erlebnis und wohl am besten mit einer Landung auf dem Mond zu vergleichen. Nur, dass man hier auch richtig Motorradfahren kann! (Na gut, könnte man auf dem Mond vermutlich auch.)

Auch Mante hat seinen Spaß!

Der dem Festland zugewandte Teil von Pag besteht ausschließlich aus Geröll und ist fast völlig vegetationslos. Der Grund dafür ist auch in diesem Fall der Fallwind Bora, der regelmäßig mit hohen Geschwindigkeiten das Velebit-Gebirge herunterschießt, und auf der Luv-Seite der Inseln alles wegbläst, was nicht niet- und nagelfest ist – und dazu gehört eben auch eine halbwegs fruchtbare Erdschicht. Auch auf den Inseln Krk und Rab ist dieser Effekt deutlich erkennbar.

Sogar von Karl Marx ist ein schönes Zitat über die Bora überliefert:

Die Bora, der große Störenfried dieses Meeres, erhebt sich stets ohne das kleinste Warnungszeichen; mit der Gewalt eines Tornados überfällt sie die Seeleute und gestattet nur dem Kühnsten, auf Deck zu bleiben. Manchmal tobt sie wochenlang und am heftigsten zwischen der Bucht von Cattaro und dem Südende von Istrien. Der Dalmatiner aber ist von Kindheit an gewöhnt, ihr zu trotzen, er wird hart unter ihrem Atem und verachtet die armseligen Winde anderer Meere.

 

In Novalja spazieren wir ein bisschen am Quai entlang und trinken einen Kaffee. Danach starten wir zu einer kleinen Insel- beziehungsweise Mondfahrt.

 

An ihrem Südende ist die Insel Pag über eine Brücke mit dem Festland verbunden. Über sie fahren wir erst Richtung Zadar, dann entlang der Küstenstrasse zurück nach Senj.

Am Abend machen wir noch einen kleinen Ausflug nach Sveti Juraj, ein Fischerort 10 Minuten südlich vom Campingplatz. An der Mole angeln ein paar Männer und rauchen Zigaretten, wir setzen uns in ein kleines Restaurant und schauen ihnen zu.

Wenn es nach Mante gegangen wäre, hätte es auch heute Abend wieder Reis mit Scheiss gegeben. Aber ich brauche jetzt endlich mal einen gegrillten Fisch. Morgen wollen wir zurück Richtung Alpen. Geht ja nicht, dass ich am Meer war, und keinen gegrillten Fisch gegessen habe.

Also landet ein kleiner Wolfsbarsch auf meinem Teller, den man in Kroatien Brancin nennt. Dazu Tintenfische mit Knoblauch vom Grill und ein Bier.

Traum – haft.

 

Jetzt ist der adriatische Grillgott milde gestimmt. Morgen kann es wieder nach Norden gehen.

 

 

 

3 Thoughts on “Teil 3
Ausflug zum Mond

  1. So ein Bora hatte mich mal fast samt Mopped von der Küstenstraße geweht. Echt fies, diese Fallwinde.

  2. Freerk on 8. Oktober 2014 at 12:22 said:

    Du bist ja auch oft auf so 50ccm Federgewichten unterwegs, da hat die Natur leichtes Spiel! Oder war das schweres Gerät?

  3. In dem Fall war es eine alte 660er Ténéré und der Wind hat mich selbst im Stand noch seitlich über die Straße geschoben. – In dem Moment wurde mir dann auch klar, warum die Cops direkt hinter uns die Schranke geschlossen und die Küstenstraße gesperrt hatten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.