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Teil 15: Auf Wiedersehen, Afrika.

Bevor wir am nächsten Morgen unser vorerst letztes Stück Afrika in Angriff nehmen, müssen Thomas, Sebastian und ich noch unsere Spielschulden von gestern Abend begleichen. Vera lädt uns den Text der Russischen Nationalhymne aus dem Internet herunter, und zu einer wahllosen Instrumentalversion auf Youtube schmettern wir aus voller Brust genau so wahllos den vom Blatt abgelesenen Liedtext. Behrang macht mit breitem Grinsen ein Video davon, aber das kommt in den Giftschrank. Sorry Leute.
Wir verabschieden uns von Vera und ihrer Familie und bedanken uns für all die Gastfreundschaft. Die letzten zwei Tage mit ihr und ihren Jungs waren klasse, und nach fast vier Wochen mehr oder weniger archaischen Campinglebens auch ein angenehmer Übergang zum Leben, das daheim auf uns wartet.
Die knapp 350km nach Tanger spulen wir allein auf der Autobahn ab. Die ist zwar kostenpflichtig, aber die alternative Landstrassenroute hat wenig zu bieten. Zum ersten Mal auf der ganzen Reise stöpsele ich meine Kopfhörer ein, und so ist, nach einem kleinen Snack auf halber Strecke, Tanger im Nu erreicht.

 


Von Vordergrund nach Hintergrund: Wir, Villenviertel, Tanger, Strasse von Gibraltar, Europa.

 


Vier Wochen Marokko: Hose dreckig, keine Socken, Rauschebart. Aber – immer eine Katze griffbereit!

 

In Tanger schließt sich der Kreis unserer Tour und wir kehren wieder im Camping Achakkar, dem Zeltplatz aus unserer ersten afrikanischen Nacht ein. Es gibt ein letztes Abendessen vom Benzinkocher mit marokkanischen Zutaten, danach plaudern wir noch mit ein paar englischen 4X4 Fahrern aus dem Nähkästchen, ganz so, als wären wir alte und erfahrene Marokko-Spezialisten. Aber warum auch nicht? Bis zu diesem Punkt sind wir vier einen weiten Weg gekommen, und zwar nicht nur was die Distanz angeht, sondern auch in der Art und Weise, wie wir uns nun auf diesem Kontinent bewegen. Behrang, Sebastian, Stefan und Freerk sind nicht mehr die vier Jungs, die vor drei Wochen an genau dieser Stelle ziemlich verstört ihre Heringe in den afrikanischen Sand drückten. Kein Geruch lässt uns heute mehr die Nase rümpfen, kein fremder Besucher besorgt zur Ausrüstung schielen, keine Sprachbarriere schon im Vorfeld die Flinte ins Korn werfen.
Dass wir genau diese Eigenschaften morgen mehr denn je brauchen würden, hätten wir uns an unserem letzten Abend in Afrika allerdings nicht träumen lassen.

 

Mit den ersten Sonnenstrahlen schwingen wir uns am Morgen aus den Federn. Die Zelte werden sorgfältig abgestaubt und eingerollt – wer weiss, bei welcher Reise sie das nächste Mal gebraucht werden. Ich finde es ja immer klasse, wenn man in der Hose vom letzten Jahr noch eine Tankquittung findet, und dann in Gedanken noch mal dorthin zurückreist, rekapituliert wo das war, und wann. Sand und Blätter im Zelt können das auch, und darum putze ich auch nicht immer ganz so genau, und bin deshalb auch als erster fertig. Weil die anderen noch weit davon entfernt zu sein scheinen, fahre ich allein zum Strand, um dem Atlantischen OzeanTschüss zu sagen, war schön mit Dir, auch wenn Du uns in Kauki ordentlich eingeheizt hast.


 

Danach trinke ich in einem Cafe meinen letzten Minztee, einen letzten Thé à la menthe, den wir mit ungeschulten Ohren an unserem ersten Tag noch als vermeintlichen Thé allemande gehört hatten. Der allgegenwärtige Minztee ist eins von diesen Urlaubsritualen, die man hinterher unbedingt weiter führen möchte. Aber zu Hause schmeckt es anders, riecht anders, sieht anders aus. Vor allem aber fehlt das ganze drumherum, das, was man nur in seiner Erinnerung mitnehmen kann, der Ort, das Land, die Menschen.

Als die Jungs endlich aufgesattelt haben und vom Campingplatz rollen, winke ich sie heran und wir trinken unseren letzten Tee gemeinsam. Unser heutiges Tagespensum ist im Grunde genommen ein Witz: Wir müssen zum 50km entfernten Mittelmeerhafen von Tanger, um dort Tickets für unsere Überfahrt nach Barcelona bzw. Genua zu kaufen. Danach wollen wir noch Proviant für die Überfahrt kaufen und vielleicht ein letztes Mal beim Strassengriller einkehren. Fertig.

 


Als erste Amtshandlung machen wir für 50 Cent pro Liter noch mal sämtliche Tanks und Reservekanister randvoll. Damit dürften Behrang und ich es locker bis Andorra schaffen, wo wir wiederum günstig für die letzte Etappe unserer Reise tanken können.


Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es genau so kommen. Dieser Satz stammt vom amerikanischen Ingenieur Edward A. Murphy, bekannt für das nach ihm benannte Murphy’s Law. Eine Erweiterung seines Gesetzes besagt, dass Murphy stehts auch immer bis zu dem Zeitpunkt wartet, an dem ein Ereignis größtmöglichen Schaden anrichten kann. Und genau dieser Zeitpunkt war bei uns jetzt erreicht, denn wie sich heraus stellt, GIBT ES KEINE TICKETS NACH EUROPA MEHR.

 

Vor allem für Behrang und mich zieht dieser Umstand eine ganze Reihe von den erwähnten unerwünschten Konsequenzen nach sich, da wir für den Heimweg ab Südfrankreich eine Fahrt mit dem Autozug gebucht haben, die sich nicht verschieben lässt. Wir überlegen also, nicht nach Barcelona, sondern Tarifa oder Algeciras überzusetzen, und von dort dann nonstop bis nach Narbonne durchzufahren. Nicht gerade eine angenehme Aussicht, aber allemal besser, als 500€ für den Autozug abzuschreiben. Die Entscheidung darüber wird uns allerdings abgenommen, da auch für diese Verbindungen keine Plätze mehr verfügbar sind. Ein richtig schöner Clusterfuck!

Vor einem Monat hätten wir uns an dieser Stelle vermutlich geschlagen gegeben. Gut, hätten wir gesagt, hinterher ist man immer schlauer. Wir hätten Lehrgeld gezahlt und wären ein paar Tage später gefahren, zum nächstmöglichen Termin.

Aber unserer neuen pas-de-Probleme-Mentalität will partout nicht einleuchten, warum vier schlanke Motorradjungs wie wir samt ihrer vier schlanken Krafträder nicht mehr in eine 33 Tausend Tonnen schwere Autofähre passen sollen. Also fangen wir an, den Ticketverkäufer zu nerven, und auch ein Bisschen mit Geld zu wedeln.

Und siehe da, nach ein paar Minuten taucht aus dem Nirgendwo plötzlich ein adrett gekleideter Marokkaner auf, nach eigenem Bekunden Herr über ein größeres Kontingent an Tickets. Er bietet uns zwei Plätze an, die wir aber dankend ablehnen – Alle oder keiner! Der Typ fängt an zu telefonieren, und nach ein paar Telefonaten hat er wirklich vier Plätze in Petto, zwar auf zwei Kabinen verteilt, aber das bekommen wir schon auch noch hin! Uns fällt ein Stein im Hohen-Atlas-Format vom Herzen.

 


Auf diesen Schreck einen Kebab! Letztes Gruppenfoto mit Grillmetzger


Als wir uns schließlich eine Stunde vor der Boarding Time am Fähranleger der Grandi Navi Veloci einfinden, haben wir doch noch alles erledigt, was auf unserer Liste stand. Für den Einkauf im Supermarkt kam erstmals nicht mehr die Gemeinschaftskasse auf. Die Gütertrennung kehrt zurück, denn Behrang und ich werden bis Barcelona nur 26 Stunden auf See sein, Sebastian und Stefan bis Genua aber 52.

Neben Baguette, Oliven, Fisch und Käse haben wir auf Behrangs Wunsch auch noch eine marokkanische Wurst gekauft. Wir waren in einem ziemlich großen Supermarkt nach europäischen Vorbild, in dem es sogar diese kleinen Stände gab, an denen man mit dem Piekser Produkte im Würfelformat probieren kann. Dort hatte Behrang eine Mortadella gekostet und für gut befunden, die wir dann auch gekauft haben. Aber BITTE BITTE, lieber Leser, der Du vielleicht irgendwann einmal selbst nach Nordafrika reisen möchtest, tu dir das nicht an! Diese trockene, bröckelige, bleiche, fade… armselige Version einer Wurst hat kein Mensch verdient, helal hin oder her! Schreibst Du ganz oben in deine Reiseplanung! Grüne Versicherungskarte, Flickzeug, Sonnencreme… aber auf keinen Fall Wurst kaufen!

Bis wir unsere Motorräder endlich im Bauch der Majestic verstauen dürfen, vergehen noch einmal zwei Stunden. Vor uns werden jede Menge Sattelauflieger verladen, die vorher sorgfältig auf illegale Passagiere abgesucht werden. Diese Arbeit übernehmen zwei zivile Spezialisten des Reeders, die im Falle eines Fundes lediglich die umherstehenden Zöllner heranwinken. Allein während unserer Wartezeit werden sie drei mal fündig.

 

Unser Zimmer ist diesmal eine sehr schöne Aussenkabine, die wir sofort komplett in Beschlag nehmen, obwohl zwei von uns ja auf eine andere Kabine gebucht sind. Mit einem etwas später eintreffenden Zimmergenossen tauschen wir einfach die Zugangskarte. Es handele sich um einen Buchungsirrtum, pas de probleme.

Während ich an der Klimalüftung einen provisorischen Tütenkühlschrank installiere, breitet Behrang an der Wand seinen Michelin aus, und zeichnet mit einem Marker unsere Wegstrecke durch Marokko nach. (Mit Google Earth könnt ihr jedem Meter unserer Tour HIER folgen.)

 

2800 Kilometer Marokko im Uhrzeigersinn.

 


Unter Deck stehen mittlerweile Motorräder soweit das Auge reicht. Der Grund für die überraschend ausgebuchte Fähre war diese geführte Reisegruppe.




Wer nicht eine empfindlich hohe Importsteuer zahlen möchte, der muss auch seinen Müll wieder mit nach Hause nehmen.


Als es dunkel wird, legt das Schiff ab. Wir stehen auf dem Sonnendeck und nehmen Abschied von einem Land, dass uns gleich beim ersten Besuch begeistert hat. Den einen sofort, den anderen mit etwas Verzögerung.

Marokko war beeindruckend. In seiner Gastfreundschaft. Seiner Offenheit. Seiner Rückständigkeit und Fortschrittlichkeit. Seiner landschaftlichen Vielfalt. In Europa muss man vermutlich fünf Länder besuchen, um das zu sehen, was Marokko zu bieten hat. Wüsten, Viertausender, kilometerlange Strände. Schnurgerade Teerbänder durch die endlose Steppe, eng mäandernde Passstrassen bis in luftige Höhen. Unbefestigte Pisten ohne jede Menschenseele, Stoßstange an Stoßstange in einer 4-Millionen-Stadt.

Sebastian und Stefan steht in den nächsten Tagen noch eine herbstliche Alpenüberquerung bevor, Behrang und ich werden von Barcelona aus noch einen Abstecher durch die Pyreneen und Andorra machen. Aber in unserer gemeinsamen Erinnerung werden die vergangenen vier Wochen immer unsere große Marokkotour gewesen sein, bei der wir nicht nur ein Land und seine Menschen kennen gelernt haben, sondern gleich auch noch zwei neue Freunde.

 


Bis bald, Afrika!

9 Thoughts on “Teil 15: Auf Wiedersehen, Afrika.

  1. Schöner Bericht, gekonnte Mischung zwischen Text und Fotos. Ihr seid ziemlich die gleiche Strecke gefahren wie wir 2011. Freut mich, dass ihr die Verbindung zwischen den Schluchten fahren konntet und die Übernachtung im Belle Vue oben auf dem Pass wird keiner vergessen. Muss da nochmal hin.
    Gruss Thomas

  2. Freerk on 12. März 2012 at 21:01 said:

    Sag Bescheid wann, Thomas. ;)

  3. pietch1 on 13. März 2012 at 14:36 said:

    Hallo Freerk, bin begeistert von Deinem Bericht und Bilder.
    Eine tolle Tour, die Fernweh erzeugt. Werde Deine Seite ab jetzt im Auge behalten. Danke, das Du uns an der schönen Tour hast teilnehmen lassen.
    Gruß Peter

  4. Hi Freerk, super Reisebericht, fesselnd geschrieben. Mein Kumpel Bernd (Krebsi) hat mich darauf aufmerksam gemacht, weil ich ihm neulich mal gesagt habe Marokko irgendwann mal mit dem Mopped in Anlauf nehmen zu wollen. Du hast mich jetzt noch mehr motiviert. Gruß aus dem Rheinland, ..ich erinnere mich daran, das wir vor ein paar Jahren mal zusammen eine Tagestour gefahren sind.
    Ciao, Acki

  5. Freerk on 16. März 2012 at 10:56 said:

    Hey Acki!
    Ja, ich erinnere mich, zu XT-Zeiten damals! Als Kölner war ich bei den Ausflügen ja nicht ganz so oft dabei. Aber das war ne Tour mit Friedel vorneweg, oder? Seid ihr noch oft unterwegs?
    Mach das mal mit Marokko! Dass das mit der XTZ ganz wunderbar geht, haste jetzt ja gesehn ;)
    Ma´et jod, Jung!

  6. Sebastian on 17. März 2012 at 19:34 said:

    Wow, ich beglückwünsche euch zu einer Tour die man so oft in seinem Leben nicht macht.

  7. Freerk on 18. März 2012 at 19:50 said:

    Ja, sicher stimmt das. Auch wenn man an Orte fährt, an denen man schon einmal war, oder mit Freunden unterwegs ist, die man schon lange kennt – Das erste Mal vergisst man nie ;)

  8. André on 3. Oktober 2012 at 20:32 said:

    Sehr sehr geil !!!
    Texte, Bilder und Videos sind großes Kino. Danke für’s virtuelle Mitnehmen. Hab den Blog verschlungen und nun großes Fernweh im Bauch.
    Eine Tour die sicher noch Jahre im Gedächtnis bleibt.
    Chapeau Chapeau – ich denke Marokko ist gerade auf der Prio-Liste nach ziemlich weit oben gerutscht.

    Gruß
    André

  9. Freerk on 16. Januar 2013 at 09:34 said:

    Danke, André.
    Genau da gehört Marokko hin!

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