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Teil 14
Schöne Schenkel, schlimme Füße

Dieser Moment ist nach dem Aufwachen immer wieder der beste: Du greifst den Reissverschluss vom Zelteingang und fragst dich, welche Sendung die Landschaft heute vor deinem Zelt laufen lässt. Das Meer? Schneebedeckte Gipfel? Einen rauschender Wildbach?

Heute läuft: Sonnenstrahlen blinzeln über grüne Hügel – im Tal lüftet sich der Nebel.

Meist sitze ich die ersten Minuten einfach so da, noch in meinem Schlafsack, und genieße den Moment. Dann suche ich mit taunassen Füßen die Teile des Benzinkochers zusammen und setze Wasser für einen Tee auf. Der bringt dann alle Glieder soweit auf Betriebstemperatur, dass man den Rest der Morgenroutine in Angriff nehmen kann. Frühstück, Zelt abbauen, Gepäck-Tetris.

Und im Hintergrund läuft dabei immer weiter Panorama TV.

Die Planung sieht für heute vor, dass wir uns zunächst südwestlich orientieren, entlang genau der Route, die wir schon nach der Transfogaraschen Hochstrasse gefahren waren. Ab Râmnicu Vâlcea wollen wir dann auf der DN 7 und später der 7A bis Petroșani quer durch die Südkarpaten fahren, und dabei auch ein kleines Stück der Transalpina mitnehmen.

In Brezoi halten Behrang und ich in der Fußgängerzone an, um ein paar Flaschen Wasser zu kaufen. Dort werden wir sofort von einer handvoll Jungs belagert, die munter auf Rumänisch auf uns einreden. Schlimm ist das nicht – auch ohne Sprachverständnis kann man weltweit Jungs ganz leicht glücklich machen: Mit einem Foto hoch zu Ross!

Am frühen Nachmittag sind wir endlich auf der 7A, einer wunderbaren Strecke mitten durch die Abgeschiedenheit der Berge. Links und rechts der gewundenen Strasse türmen sich Pyramiden von gefällten Baumstämmen auf, alle 20 Kilometer durchfahren wir kleine Dörfer, passieren mehrere Stauseen. Trotz des vergleichsweise schlechten Strassenzustands kommen wir gut voran. Eine kleinere Reisegruppe bedeutet immer auch weniger individuelle Pausen, weniger Wartezeit, schnellerer Konsens.

 

Naja, und immer, wenn man denkt, jetzt flutscht es gerade richtig gut, dann passiert irgendwas und gar nichts flutscht mehr. Und diesmal passiert es dummerweise auch noch ausgerechnet mir, und ich darf mich nichtmal darüber lustig machen:

In einer im Grunde genommen sehr einfachen und gut einsehbaren Links-Serpentine komme ich am Fahrbahnrand mit dem Hinterrad auf Schotter und rutsche weg. Klassiker soweit. Irgendwie gelingt es mir aber, voll rechts einzuschlagen und gegenzulenken. So kann ich gerade noch einen Sturz verhindern, auf den ich mich angesichts des klar vernehmbaren Kratzgeräusches des Seitenständers schon eingestellt hatte. Meine Füße rutschen von den Rasten, ich klammere mich wie Superman an den Lenker und lasse die Kiste an den linken Fahrbahnrand rollen. PUH!

Leider liefen dabei keine GoPros – oder soll ich sagen: Zum Glück? Behrang macht von der Szene nur ein kleines Foto, nämlich dieses hier:

Behrang klatscht Beifall, als ich absteige. Aber leider muss ich feststellen, dass ich mich bei dem Manöver verletzt habe. Mein linker Fuß hat bei der starken Schräglage offenbar Bodenkontakt bekommen und sich komplett nach außen verdreht. Zugegeben, ein echter Anfängerfehler; Auf Asphalt gehört der Ballen auf die Raste, nicht der Mittelfuß. Dazu muss man sagen, dass ich beim Thema Fußverletzungen ein alter Hase bin: Bänderiss, Bänderdehnung, Außen und Innen, Links wie Rechts – alles im Portfolio!

Mit zusammengebissenen Zähnen fahre ich, am Vidra-See vorbei, mit Behrang noch etwa 30 Kilometer weiter, dann ist Schluß. An der Kreuzung mit der Transalpina gibt es einen Campingplatz, der zur Übernachtung auch kleine Hütten anbietet. Dort kehren wir kurz vor einem Wolkenbruch ein.

Zu den wenigen Vorteilen eines überladenen Reisebegleiters gehört, dass er manchmal mit genau dem richtigen Krempel überladen ist. Einem selbsthaftendem Druckverband zu Beispiel.

Mit präzisen Handgriffen bandagiert Behrang meinen angeschwollenen Knöchel. Junge – wenn es bei Dir beruflich mal nicht mehr so läuft, kannst Du immer noch als Krankenschwester anheuern! Soviel ist mal sicher.

 

Während es draußen weiter schüttet, telefoniere ich mit dem ADAC. Im Grunde genommen hätte sich für diese Tour ja fast eine Standleitung gelohnt. Erst Stefan und Sarah wegen der Bremse. Dann Sebastian mit seiner gerissenen Schwinge. Und jetzt ich – mit meinem – ja was eigentlich?
Als ich der Dame vom ADAC erzähle, ich hätte einen Unfall gehabt, verbindet die mich erstmal mit einem Unfallmediziner. Dabei wollte ich eigentlich nur mal sondieren, wie meine Optionen sind. Der Fuß schmerzt sehr stark, das Blut pocht spürbar im Verband. Druckverband, hochlegen und kühlen, empfiehlt der Herr Unfallmediziner, und verbindet mich zurück.

Ein rumänischer Arzt müsste den Unfall bestätigen, sagt die Dame am Telefon, den nächsten gäbe es in Petroșani. Aber aus irgendeinem Grund zögere ich noch, ihr den Startschuss für einen Krankenrücktransport zu geben. Sollte die Tour hier und jetzt auch für mich beendet sein? Ein Land löscht mit seinen Strassen eine komplette Reisegruppe aus, bis auf den letzten Mann? Okay, Behrang wäre noch übrig. Aber dem würde auf dem Nachhauseweg wahrscheinlich erst in Moskau auffallen, das etwas nicht stimmt.

Wir beschließen, die Entscheidung auf morgen zu vertagen, und bestellen uns etwas zu essen. Das Camping-Restaurant ist ziemlich gut sortiert, wahrscheinlich Ergebnis seiner günstigen Lage an der Kreuzung zwischen Transalpina und 7A. Ohne Hoffnung auf Erfüllung bestelle ich panierte Froschschenkel. Ich habe an vielen Orten auf dem Balkan die Erfahrung gemacht, dass eine volle Speisekarte noch lange nicht bedeutet, dass es all das auch wirklich gibt. Meistens ist die falsche Jahreszeit. Oder der falsche Wochentag. Oder der falsche Koch hat Dienst.

Zu meinem großen Entzücken liegen aber nur ein paar Minuten später fünf paar knusprige Amphibienbeinchen mit Pommes auf dem Teller. Wenigstens was!

Die Etappe: 218km
Schöne Berge, schöne Strassen, schöne Schenkel.
Aber unterm Strich doch: Ein großer Scheiss!

2 Thoughts on “Teil 14
Schöne Schenkel, schlimme Füße

  1. Sitt on 22. Januar 2014 at 20:00 said:

    Hallo Freerk,
    Ihr habt aber auch gar nichts ausgelassen ! Dennoch bin ich begeistert von eurem kleinem und wildem Abenteuer, genau mein Ding! Abgesehen von den Ausfällen und dem schlechten Wetter kann ich mir vorstellen das du nichts missen möchtest! Bin sehr gespannt auf die Fortsetzung ! Gruß André. „Sitt aus dem Forum“

  2. Freerk on 22. Januar 2014 at 20:47 said:

    Genau Sitt, wenn alles glatt läuft und man sich jeden Abend einfach nur in ein gemachtes Bett fallen lässt, ist der Urlaub doch nach drei Wochen vergessen! Dann lieber mit Ecken und Kanten!

    Wobei Ecken und Kanten im Sonnenschein sicher auch schön gewesen wären…

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