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Teil 14: Casablanca Casual

Drei Tage bevor uns eine Fähre zurück nach Europa bringen soll, verabschieden wir uns schweren Herzens von Sidi Kauki. Unsere heutige Tagesetappe führt uns entlang der Küste nordwärts bis zur größten Stadt Marokkos, nach Casablanca. Dort hatte ich mich bereits vor Wochen bei meiner alten Freundin Vera angekündigt, ohne damals jedoch genau sagen zu können, wann genau wir kommen würden. Darüber hinaus war in meiner Übernachtungsanfrage lediglich die Rede von zwei Personen gewesen – ob Vera und ihre Familie nun auch Platz (und vor allem Lust) für eine Vierergruppe haben würde, steht in den Sternen.

 

Da wir bei einer Etappenlänge von gut 400km erst im Laufe des späten Nachmittags ankommen dürften und sich die Suche nach einem Campingplatz im Stadtzentrum im Falle einer Absage sicher schwierig gestalten würde, versuche ich Vera telefonisch zu erreichen. Zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, dass ich weder Veras Telefonnummer, noch ihre Adresse habe. Stattdessen versuche ich, über einen gemeinsamen Freund in Deutschland Kontakt mit ihr aufzunehmen.

Apropos Telefon: Da Marokko bekanntermaßen nicht Mitglied der EU ist, sind auch die Roamingkosten für SMS und Handygespräche nicht gedeckelt. Am Ende der Reise werden daheim insgesamt ca. 400€ an Telefonkosten auf mich warten, entstanden aus drei SMS pro Tag und regelmäßigen, kurzen Telefonaten mit der Freundin in Berlin. Eine lokale prepaid-SIM-Karte hätte sich hier sicher gelohnt, und auch das sich-anrufen-lassen auf einheimischen Handys wäre durchaus weiter ausbaufähig gewesen.


Gemeinsam mit uns auf der Reise gen Norden: Eine Wagenladung Kebabspiesse. Auch wenn Komfort und Aussicht auf der Terrasse dort oben sicher super sind, mit ihrer Destination möchten wir lieber nicht tauschen.

 

Etwa auf halber Strecke entdecke ich bei einer Pause endlich einen verpassten Anruf von marokkanischer Nummer auf meinem Handy. Beim Rückruf meldet sich am anderen Ende Vera in tadellosem Deutsch mit französischen Akzent. Sie ist erst vor ein paar Monaten von Paris nach Marokko gezogen, mit vier Kindern und ihrem Mann, der hier in leitender Position für eine französische Geschäftsbank arbeitet.
Vera freut sich auf uns vier und beginnt mir den Weg zu ihrem Haus zu beschreiben, aber ich winke mit Verweis auf mein Navi dankend ab, die Adresse genüge mir. Vera gibt zu bedenken, dass in Casablanca nicht mal der Postbote die Strassennamen seines Bezirks kenne und die Stadt im übrigen die einzige auf der ganzen Welt sei, in der der Taxifahrer entscheide, wohin sein Fahrgast fahre, so chaotisch sei es. Sie ist überrascht, als ich den Namen ihrer Strasse tatsächlich in meinem TomTom finde, und guter Dinge fahren wir los.

 


Schiffswrack am Strand vor El-Hawzya


Als wir mit den letzten Sonnenstrahlen im Feierabendverkehr Casablanca erreichen, können wir die schieren Ausmaße des Verkehrskollapses zunächst schlicht nicht fassen. Jeder hat ja schon mal Fotos gesehen, auf denen sich hunderte Autos auf einer Kreuzung in Indien oder sonstwo derart gegenseitig blockieren, dass keins von ihnen mehr vorwärts kommt. Genau so ist Casablanca. Bloß eben nicht an nur EINER Kreuzung, sondern an schlichtweg JEDER. Autos, Transporter und Busse stehen Stoßstange an Stoßstange, und ihre Fahrer tun das einzige, was ihnen in dieser Situation noch bleibt: Sie hupen ohne Unterlaß, um demjenigen, der dort vorne GANZ SICHER für den Stau verantwortlich ist, endlich Beine zu machen. So gut es geht schlängeln wir uns zwischen den Blechschlangen vorwärts, touchieren dabei unzählige Aussenspiegel, was aber niemanden sonderlich zu interessieren scheint.

Als mein Navi nach einer Stunde Stop-and-go endlich das erlösende Sie haben ihr Ziel erreicht kundtut, sind wir mit unseren Kräften am Ende. Ich rufe Vera an, damit sie uns die Tür öffnet, aber sie erklärt, sie stünde bei sich vor der Tür, aber von uns sei weit und breit keine Spur. Nach ein paar Minuten stellt sich heraus, dass mein Navi von den Strassen in Casablanca offenbar genau so viel Ahnung hat, wie die einheimischen Postboten und Taxifahrer, und wir uns mehrere Stadtviertel weit entfernt von Vera befinden. Ätzend! Obwohl Behrang, Sebastian und Stefan gute Miene zum bösen Spiel machen, steigt mein Stresslevel bis in den Begrenzer.
Zum Glück bleibt Vera cool und erklärt mir den Weg nun Strasse für Strasse. Ich verfolge ihre Anweisungen scrollend auf dem Bildschirm, bis das richtige Ziel gefunden ist. Noch einmal quer durch den Verkehrsinfarkt.

Die Erleichterung ist groß, als wir unser Ziel mal wieder in völliger Dunkelheit erreichen. Vera und ich haben uns eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen und begrüßen uns überschwänglich. Die Motorräder werden in den Garten manövriert und dort augenblicklich von ihren Jungs in Beschlag genommen.

 


ATGATT!

 

Nachdem wir unser Lager im Keller der weitläufigen Hauses aufgeschlagen und alle eine erfrischende Dusche genommen haben, essen wir im Garten gemeinsam zu Abend. Die marokkanische Haushälterin hatte eine vorzügliche Lamm-Tagine vorbereitet, bevor sie dann bei unserem Anblick umgehend Reisaus nehmen musste. Danach spielen wir bei einer Flasche Wein mit Veras Mann Thomas noch eine Runde Poker und fallen dann völlig fertig ins Bett.



Auch am nächsten Morgen bekommen wir von der Haushälterin nur einen großen Berg Pfannkuchen zu Gesicht, die wir ein Bisschen ungewohnt wie gesittete Menschen am Frühstückstisch genießen.



Les enfants, die Pfannkuchenspezialisten des Hauses, empfehlen dazu marokkanische Kartoffelmarmelade. Köstlich!


Für unsere geplante Stadtrundfahrt durch Casablanca bieten uns Vera und Thomas ihr Auto samt Fahrer an. Zuerst glauben wir, wir hätten uns verhört, ein Fahrer? Ja, antwortet Vera, sie würden ihn heute voraussichtlich nicht brauchen, und wenn er selbst noch nichts vor hätte, dann würde er uns als gebürtiger Casaoui sicher gern seine Heimatstadt zeigen.

 


Gesagt – getan. Abdelwaheb hat noch nichts vor und holt uns eine halbe Stunde später ab. Unter virtuosem Geschimpfe über die anderen Verkehrsteilnehmer steuert er uns quer durch die Stadt.



Vorbei an mobilen Fernsehern…



… und akrobatischen KFZ-Mechatronikern…

 


… geht es als erstes zur Hassan-der-Zweite-Moschee direkt am Meer. Mit 210 Metern Höhe ist das gute Stück immerhin das höchste religiöse Bauwerk der Welt (Hier bei Wikipedia wird die Größenordnung etwas deutlicher).

 


10.000 Arbeiter haben sechs Jahre lang daran gebaut. Kostenpunkt: Eine Milliarde Dollar. Sebastian fand allerdings gleich ein paar gerissene Fliesen, aufgeplatzte Fugen und schlechte Spaltmaße. Wär bei Hochtief nicht passiert!



Danach führt Abdelwaheb uns kreuz und quer durch die Medina zu einem versteckten Fischrestaurant, in dem wir Berge von fritierten Meeresfrüchten mit scharfer Soße verputzen.


Als uns der Koch nach dem Essen wegen wieder einmal versäumter Vorverhandlung eine gesalzene Rechnung präsentieren will, droht ihm Abdelwaheb kaltschnäuzig mit der Polizei, und halbiert so den Preis im Handumdrehen. Später im Auto erklärt er uns, dass wir dabei zu schnell eingewilligt hätten – 50% Rabatt sei doch erst der Anfang! Derart inspiriert kaufen wir in der Altstadt gleich noch ein paar Mitbringsel: Arganöl, Hammamseife, Honig, Olivenöl und – Kartoffelmarmelade!

Auf dem Weg nach Hause begegnen uns an der Universität noch ein paar Jungs, die uns zeigen, warum in Marokko alle Sicherheitsmauern obendrauf zusätzlich mit Glasscherben gespickt sind:

Gegen Abend beginnen wir, die Motorräder für die morgige Weiterreise zu bepacken. Unsere Helme, Jacken und Stiefel sind über das ganze Haus verstreut, aber mit der Hilfe von Matéo, Felix, Ivan und Joseph schnell zusammengetragen. Meine Handschuhe zeigen überraschenderweise Spuren eines Boxkampfes mit einer Wand. Vor dem Abendessen, das heute aus ein paar Pizzen besteht, werden wir zu einem Tischtennis-Match Biker vs. Kinder herausgefordert, über dessen Ausgang ich hier den Mantel der Verschwiegenheit decken möchte.


Stefan macht Musik, Leo es sich gemütlich.

Bei einer letzten Pokerrunde vor dem zu Bett gehen verlieren Thomas, Sebastian und ich mit wehenden Fahnen und müssen zum Abschied morgen früh die russische Nationalhymne singen. Im Originaltext.

4 Thoughts on “Teil 14: Casablanca Casual

  1. tim on 6. März 2012 at 18:21 said:

    schöne bilder, spannend geschrieben, super tour, toller blog!
    meeeehr bitte!

  2. Anonymous on 16. März 2012 at 22:56 said:

    diese Hymne hätte ich gerne gehört. Hoffentlich war die so schön, wie du schreiben kannst! super cool!

  3. Elena on 16. März 2012 at 22:57 said:

    nein, nicht anonymous, es war Elena

  4. Freerk on 18. März 2012 at 19:55 said:

    Ich befürchte, dass das für eine Muttersprachlerin keine große Freude ist, Elena! Vera spricht ja auch russisch, und sie zwar auch amused, aber nicht wegen des künstlerischen, sondern des komödiantischen Wertes :)

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