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Teil 12
Schlammschlacht

Als wir am nächsten Morgen die Köpfe aus unseren Zelten stecken, sind wir die letzten, die noch auf dem Campingplatz sind. Die Holländer und unsere Bekanntschaft von gestern Abend sind längst wieder unterwegs, und so packen auch wir unsere Siebensachen zusammen und brechen auf.

 

Der Routinecheck an Sebastians Schwinge ergibt, dass die Schweißnaht weiter in gutem Zustand ist. Sogar der schwarze Streifen am Hinterrad ist wieder verschwunden. Sieht aus, als würde der Spruch wirklich stimmen: Alles, was ein Rumäne baut, hält 4-5 Jahre.

Unser erstes Zwischenziel heute sollen die Schlammvulkane von Berca sein, die auf unserer ToDo-Liste wegen Abgeschiedenheit eigentlich hinten runter gefallen waren, nun aber plötzlich wieder auf dem Weg liegen. Ich hatte ursprünglich in einem anderen Reisebericht von den Vulkanen gelesen, konnte aber weder herausfinden, ob sich eine Besuch wirklich lohnen würde, noch, von wo man das Naturschutzgebiet am besten anfahren sollte. Sebastian und Behrang zeigen sich ob des stabilen Wetters aber experimentierfreudig. Wir lassen es einfach mal drauf ankommen.

Wer für eine bevorstehende Rumänienreise recherchiert, bekommt im Netz mancherorts den Ratschlag, möglichst nur an bekannten Markentankstellen zu tanken. Bei kleineren Ketten oder privaten Zapfsäulen würde angeblich auch mal schlechter Sprit mit falschen Oktanzahlen oder Beimischungen verkauft.

Wir können das so aber nicht bestätigen. Wobei man sagen muss, dass unsere Motorräder nicht unbedingt zu denen gehören, die sich bei schlechtem Sprit gleich merkbar beschweren.

Nach rund 100 Kilometern entspannter Fahrt auf guten Nationalstrassen haben wir die Kreishauptstadt Buzău erreicht. Ab hier geht es entlang des gleichnamigen Flusses gemächlicher weiter: Über staubige Feldwege und durch langgestreckte Dörfer, die nur aus einer Hauptstrasse bestehen. Wir schlängeln uns zwischen Pferdefuhrwerken und auf der Strasse spielenden Kindern hindurch. Mal sind die Wege geteert oder geschottert, oft aber einfach nur verdichtet oder vom letzten Regen weitgehend davongespült.

Regelmäßig kommen wir auch an Fördertürmen vorbei. Rumänien war früher das mit Abstand erdölreichste Land Europas, und auch heute noch werden nennenswerte Mengen davon gefördert. 2010 sollen es rund 6 Millionen Tonnen gewesen sein, womit mehr als die Hälfte des rumänischen Bedarfs gedeckt werden könnte.

Irgendwann finden wir ein kleines Hinweisschild zu den Schlammvulkanen, die sich rumänisch Vulcanii noroioși nennen, und biegen ab. Es geht eine ganze Weile RICHTIG durch die Pampa, mal im Schrittempo, mal mit schönem Drift durch die Kurven. Der Anfahrtsweg ist derart schlecht, dass ich anfange am Unterhaltungswert der Vulkane zu zweifeln: Wenn die wirklich so interessant wären, dann gäbe es hier doch längst eine vernünftige Strasse!

Am Ende ist es wie so oft: Irgendwann ist das Ziel endlich in Sichtweite, und kurz davor kommt von rechts eine dick asphaltierte, zweispurige Zufahrtsstrasse, von deren Existenz man vorher einfach nichts gewusst hat.

Eine Horde Boxer auf dem Schlammvulkan-Parkplatz schaut uns mit großen Augen an, als wir aus dem Gebüsch gefahren kommen. Auf ein Bisschen Offroad hätten sie wohl auch Lust, erzählen sie uns. Als wir aber detaillierter berichten, schlagen die Hotelschläfer lieber doch eine befestigte Route ein.

Die Vulkane entpuppen sich als doch ganz schön. Es handelt sich bei den Vulcanii noroioși um kalten Vulkanismus. Die Vulkane entstehen durch Gase, die aus etwa 3000 Meter Tiefe durch ton- und wasserhaltige Schichten aufsteigen. An der Erdoberfläche trocknet der Schlamm und bildet Strukturen, die einem Vulkan ähneln. Da der Schlamm salz- und schwefelhaltig ist, wächst drumherum nichts außer ein paar salzresistenten Pflanzenarten.

 

Nach zwanzig Minuten machen wir uns wieder auf den Weg. Wir fahren ein kleines Stück zurück, um wieder auf die Nationalstrasse zu kommen, verpassen aber die richtige Abzweigung.

Als wir den Fehler bemerken, sind wir bereits so weit weg von der Route, dass sich ein Umkehren zeitlich nicht mehr lohnt. Da die Landschaft um uns herum aber wirklich traumhaft ist und die generelle Richtung stimmt, entschließen wir uns, einfach der Nase nach weiter durch unkartografiertes Gebiet Richtung Karpaten zu fahren.

Die Landschaft ist unfassbar schön. Das Fahren macht viel Spaß, auch wenn es zwischendurch immer wieder sehr anstrengend wird. Die „Strasse“ haben wir dabei für uns allein, außer Schäfern und ein paar Pferdefuhrwerken begegnet uns niemand. Rund 30 Kilometer Luftline haben wir noch vor uns, bis wir wieder auf die Nationalstrasse treffen. In diesen wunderbaren Hügeln wird daraus aber schnell das Doppelte. Bald wird klar, dass unsere veranschlagten zwei Stunden nicht ausreichen werden.

Vor allem die vielerorts vom Regen der vergangenen Wochen noch aufgeweichten Wege bremsen uns aus. Oft sind sie an den Rändern bereits so weit ausgefahren, dass man nicht mehr um sie herum kommt, sondern mitten durch muss. Wer sein Motorrad im Schlamm quer stellt oder ablegt, muss auf die Hilfe der anderen warten – die dafür ihrerseits erstmal einen tragfähigen Stellplatz für das eigene Fahrzeug suchen müssen.

 

Zwischen den Dörfern Lopătari und Furtunești kommen wir richtig in Schweiß, die Strecke ist eine einzige Schlammschlacht. Befragte Anwohner sagen immer wieder, der Weg zur Nationalstrasse sei nach den Regenfällen nicht mehr befahrbar und weitgehend davongeschwommen. Seit über drei Stunden fahren wir nun schon im Stehen, die vollbepackten Motorräder rutschen durch die Kurven, rollen durch knietiefe Pfützen und Spurrillen.

Wir müssen immer öfter Pausen machen und wechseln uns in der Führungsarbeit ab. Der Vorwegfahrende hat es in der Wahl der Spur meist am schwersten. Denn wie gut ein Steg aus Schlamm zwischen zwei Pfützen trägt, oder wie tief die Pfützen eigentlich sind, weiß man erst, wenn man drin steckt.

Ich fahre gerade als letzter in der Gruppe, als Sebastian vor mir voll in die Eisen steigt. So sieht es zumindest für mich aus, denn sein Hinterrad blockiert. Als er zum Stillstand gekommen ist, müssen wir beide aber leider feststellen, dass das keine Bremsung war, sondern ein Bruch: Die Schwinge hat sich mit einem lauten KNACK verabschiedet, das Hinterrad sitzt fest im Radkasten.

Jetzt fahre ich wirklich nirgendwo mehr hin, meine Schwinge ist schon wieder gebrochen.“

Eine TT wie ein Chopper. Eigentlich ganz witzig. Wenn es nicht so traurig wäre.

Die materialmordenden Schlaglöcher der vergangenen Stunden waren offenbar zu viel für die Schweißnaht. Auch auf der linken Seite ist die Schwinge nun komplett gebrochen. Diesmal ist absolut klar: Dieses Motorrad fährt nicht aus eigener Kraft nach Hause.

Sebastian hat noch alle nötigen ADAC-Kontakte von seinem Vorcheck im Handy. Die Zentrale stellt uns allerdings die vergleichsweise schwere Aufgabe, das Fahrzeug bis an den nächsten Hauptverkehrsweg zu verbringen, damit es dort abgeholt werden kann.

Leider lässt sich das Fahrzeug momentan nirgendwohin verbringen, es rollt nicht mal. Wir beschließen daher, Sebastians Gepäck auf Behrangs und meine Maschine zu verteilen, die GPS-Koordinaten zu notieren, und dann eine Pension in der Gegend zu suchen. Sebastian geht erstmal zu Fuß weiter, und soll dann im zweiten Anlauf nachgeholt werden.

20 Kilometer weiter werden wir im Ort Nehoiu fündig. Während ich ablade und auf dem Hacken umdrehe, macht Behrang unsere Betten in der Pension Roza klar.

Sebastian ist mir ein Stück entgegen gelaufen. Als ich ihn an der Strasse stehend treffe, ist seine Stimmung überraschenderweise nicht allzu schlecht. Während wir ein Bisschen rumwitzeln und gute Miene zum bösen Spiel machen, werden wir auf ein Polizeiauto aufmerksam, das offenbar seinerseits eine kleine Panne hat.

Weder Polizist noch Reifenwechsler sprechen Deutsch, Englisch oder Französisch – aber mit Händen, Füßen und vermeintlichem Rumänisch können Sebastian und ich erklären, was für ein Problem wir haben: Fünf Minuten von hier, CINQUE MINUT, oben in den Hügeln, A LA MONTAGNA, steht ein Motorrad, BRMMM BRMMM, das eine Panne hat, KAPUTT.

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, lässt der Reifenwechsler das Radkreuz fallen und holt einen Transporter mit Ladefläche aus der Garage. Keine zehn Minuten später kommen wir damit bei der TT an und können aufladen. Zurück unten im Dorf, drückt Sebastian dem Mann zum Dank ein paar kleine Scheine in die Hand und verbindet ihn mit dem ADAC, der auf Rumänisch alles weitere regelt. Fertig. So einfach ist das.

 
In Nehoiu hat Behrang unterdessen zwei Zimmer organisiert. Ein geöffnetes Restaurant scheint es dort um Zehn Uhr abends nicht mehr zu geben, dafür aber einen geöffneten Supermarkt. Also kaufen wir alles möglich für ein kleines Buffet im Hotelzimmer: Brot, Oliven, Wurst & Co. Ich probiere zudem eine Art Fischpaste aus Rogen, eine rumänische Spezialität, die mir aber nicht sonderlich schmeckt.

Für Sebastian wird es quasi die Henkersmahlzeit. Wie es bei ihm morgen weiter geht, weiß er noch nicht. Warten können Behrang und ich leider nicht: Wir brauchen für den Weg nach Hause jetzt jeden Tag und hätten eigentlich schon heute ein ganzes Stück weiter kommen müssen.

Die Etappe: 220km
Selten haben sich ein Bett und eine Dusche so gut angefühlt wie heute. Der Tag fing entspannt an, legte dann aber ordentlich zu. Von unserer Offroad-Etappe werden wir in unseren Oberschenkeln auch morgen noch etwas haben. Als i-Tüpfelchen gabs am Ende dann sogar noch einen handfesten Schwingenbruch – bei dem zum Glück nichts passiert ist. Das ist das wichtigste.

One Thought on “Teil 12
Schlammschlacht

  1. nee-nee-nee…
    diese schlammschlachten challenge.
    aber sowas liebt man ja als mann… sonst passiert ja auch nix, was sich später so spannend lesen lässt.
    eben wie im richtigen leben.

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