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Teil 11
Zu Wasser, zu Land,
und in der Kluft

Am nächsten Morgen holt Romeo uns pünktlich um acht am Campingplatz ab. Das Fortbewegungsmittel der Wahl ist ein Dacia, der vermutlich älter aussieht, als er wirklich ist. Die Fahrzeuge des rumänischen Automobilherstellers sind hier auf den Strassen allgegenwärtig. Und zwar nicht nur die Modelle, die es mittlerweile auch bei uns gibt, sondern vor allem die, die hierzulande seit den 50er Jahren vom Band rollen.

Im Innern hat man als normal gewachsener Rumäne zu zweit sicher angemessen Platz.

Als langer Lulatsch – und erst recht zu dritt – kann es aber ziemlich kuschelig werden!

Unterwegs fragt uns Romeo, ob wir ein Problem damit hätten, wenn nicht er, sondern ein Kollege die Tour mit uns machen würde. Dass wir hier nicht protestiert haben, war, im Nachhinein betrachtet, ein Fehler. Denn der Kollege trägt zwar eine schicke Capitänsmütze, spricht zu unserer Enttäuschung aber nicht halb so gut Englisch, geschweige denn so gut Deutsch wie Romeo. Wenn man selbst Ornithologe ist, mag das nicht so schlimm sein. Wer Flora und Fauna aber ein Bisschen erklärt haben möchte, sollte da aufpassen.

Der zweite Haken wartet dann im Hafen von Murighiol auf uns. Statt des versprochenen 60PS-Bootes (rechts) besteigen wir eine geringer motorisierte und kleinere Version (links daneben). Alles kein Problem, sagt Romeo, die 60PS könne man im Delta ohnehin nicht ausnützen. Schutzgebiet, sie wissen schon.

Behrang und ich nehmen vorn Platz, Sebastian setzt sich nach hinten. Der Außenborder röhrt los, wir fahren noch kurz zu einem Tankschiff, dann verschwinden wir in einem der unzähligen Kanäle des Deltas.

Schnell bekommen wir eine Vielzahl von Vögeln zu Gesicht. Pelikane, Reiher, Sichler. Über 300 Vogelarten soll es im Delta geben. Manche leben dauerhaft hier, manche kommen nur zum Nisten, oder sind auf der Durchreise.

Auf einigen Inseln werden auch Wollschweine gehalten.

Auf einigen Booten werden auch Wollschweine gehalten.

Hier und dort treffen wir auf andere Ausflugsboote, die deutlich voller besetzt sind, als wir. Der Kostenpunkt für eine Fahrt ins Delta ist mit etwa 50€ pro Person recht hoch. Selbst mit verstärktem Feilschen konnten wir den Preis nur geringfügig drücken.

 

Speziell auf den größeren Seeflächen, dort wo man schneller fahren darf, kann es an Bord, je nach Windrichtung, ziemlich nass werden. Zum Glück finden sich unter einem der Sitze ein paar Regenjacken.

Am Vormittag kommen wir im Ort Crişan an, der zwar eine Hauptstrasse besitzt, aber nur mit dem Boot erreichbar ist. Hin und wieder fahren Leute auf Quads vorbei, auf dem Weg zu anderen Dörfern im Delta. Crişan liegt am mittleren der drei Mündungsarme der Donau, die hier auch nicht mehr Donau heißt, sondern Gheorghe, Sulina und Chilia.

Im Garten einer Pension machen wir Frühstückspause. Nur Zentimeter über unseren Köpfen sausen Schwalben durch die Luft, immerzu zwitschernd. Wir genießen die leichte Meeresbrise, die Sonne, den Duft der Rosen um uns herum.

Wir haben allerdings schon jetzt das Gefühl, alles gesehen zu haben. Biosphärenreservat – okay. UNESCO Weltnaturerbe – ja gern. Aber irgendwann hat man sich an Sumpf, Schilf und Seerosen einfach satt gesehen. Versteht mich nicht falsch, das Donaudelta sollte man auf jeden Fall besuchen – Wenn man in der Gegend ist. Wer auf Pelikane keinen Wert legt, könnte auch mit dem Spreewald glücklich werden. Oder der Mecklenburgischen Seenplatte!

Wir sind froh, keine komplette Tagestour gebucht zu haben. Nach einem leckeren Frühstück mit Kaffee, Omelette, Käse und Marmelade sitzen wir schnell wieder im Boot und heizen dem Kapitän ordentlich ein. Direkter Weg nach Hause bitte! Unsere Motorräder warten!

Auf dem Zeltplatz angekommen wird flugs abgebaut und aufgesattelt. Keine Stunde später sitzen wir auf den Maschinen und fahren zum ersten mal Richtung Westen, Richtung Heimat. Es geht immer an der Donau entlang, flussaufwärts. Rechter Hand können wir weit in die Ukraine sehen, die Donau ist an dieser Stelle die Außengrenze der Europäischen Union.

Keine 30 Kilometer von der Küste entfernt, fängt es in Tulcea an, zu regnen. DAS IST DER TREPPENWITZ DIESES URLAUBS! Überraschenderweise sind die Wolken aber schon nach 30 Minuten vorbeigezogen und wir können weiterfahren.

Brücken über die Donau gibt es in dieser Gegend nicht, die erste liegt rund 100 Strassenkilometer flussaufwärts. In der Stadt Brăila gibt es dafür eine gut frequentierte Fährverbindung, mit der, stark schwankend, auch LKWs übersetzen. Auf dem trotz aufgeschweisster Armierungseisen glitschigen Deck bekommen wir am späten Nachmittag einen Platz.

In Brăila selbst gehen wir in einem kleinen Supermarkt einkaufen. Würste zum Grillen landen im Korb, ein paar Bier, Eier zum Frühstück. Draussen vor der Tür kommt Sebastian mit einem deutschsprachigen Juwelier ins Gespräch, während Behrang und ich (gemeinsam mit einem Supermarktangestellten!) das Eingekaufte auf den Motorrädern verstaue.

Südlich der Stadt schlagen wir auf dem Campingplatz Donaris unter voll behangenen Kirschbäumen unser Lager auf.

Wir kommen schnell mit einem holländischen Wohnmobil-Pärchen ins Gespräch, das sich aber ziemlich schnell verkrümelt, als sich ein Kerl auf einem ohrenbetäubend lauten Motorrad zu uns gesellt. Er stellt sich als Norweger vor, der mit seiner Harley auf der aktuellen Reise schon zigtausend Kilometer abgerissen hat, manchmal mehr als Tausend an einem Tag. Er ist kreuz und quer durch Europa unterwegs, und hangelt sich dabei von einem befreundetem Biker-Club zum nächsten. In Weissrussland hätte man ihn ein paar Tage festgehalten und schikaniert, erzählt er uns, nun will er an die Adria.

Für Übernachtungen auf Campingplätzen hat er eine Hängematte dabei, die er meist direkt neben seine Harley hängt. Mit der überaus sensiblen Alarmanlage des Gefährts machen wir direkt Bekanntschaft. Wir lassen uns von seiner harten Schale aber nicht abschrecken und merken schnell, dass unser skrupelloser Freund eigentlich ein netter Kerl ist. Nachdem er im Campingplatz-Restaurant etwas gegessen hat, setzt er sich zu uns an den Grill, und wir reden über alles mögliche. Über seinen Club in Trondheim zum Beispiel, oder über Outdoor-Zelte, von denen er sich vielleicht mal eins zulegen wollen würde, vor allem bei Regen sei es in der Hängematte nicht sonderlich gemütlich.

Als irgendwann alle Biere leer sind, verabschieden wir uns Richtung Bett, und wünschen uns gegenseitig alles gute für den weiteren Weg.

Die Etappe: 50Km Wasser / 140Km Strasse
Das Binnenland hat uns wieder – und vielleicht auch der Regen. Heute waren es zwar nur zwei kurze Schauer, aber wer weiß, wie es in den Karpaten wird. Dort nämlich wollen wir morgen landen – mit einem kleinen Umweg über die Schlammvulkane von Berca!

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