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Teil 10: Tizi-n-Test

 

Bis zu unserem heutigen Tagesziel, dem Test-Pass, haben wir etwa 250 Kilometer zu fahren. Der größere Teil der Strecke läuft durch die Sous-Ebene, insofern sollte die Distanz gut zu schaffen sein. Spannend dürfte allein das letzte Teilstück hinauf zum Pass werden. Dort windet sich eine einspurige Strasse in unzähligen Kehren bis auf über 2000m, allein der Anblick des Strassenverlaufs auf der Karte macht uns schon schwindelig. Natürlich wäre es schöner, den Tag ausgeruht mit einer solchen Strecke zu beginnen, aber anders lässt es sich nicht einrichten. Auch die Tatsache, dass die Strasse im Michelin als Difficult or dangerous section of road ausgezeichnet ist, hinterlässt bei uns eine Mischung aus gespannter Erwartung und mulmigem Gefühl.

 


Lange Geradeausfahrten wechseln sich ab mit kurzen Bergstrecken durch die Ausläufer des Anti-Atlas.



Etwa alle 30min müssen wir eine Trinkpause machen. Wie gehabt oft jenseits der Strasse.



In Tazenakht ködert uns eine Strassengrillerfahne zur Mittagspause. Der ambitionierte Kellner, ein älterer Herr, ist zwar etwas enttäuscht, als wir vor dem Essen über Preise reden wollen, macht dann aber gute Miene zum bösen Spiel und schiesst sogar ein Foto von uns.



Auch sein Kollege, der Metzger, posiert bereitwillig. Hier möchte man keine Lammkeule sein!




Vorneweg gibts wie immer einen Tee. Normalerweise wird der in Marokko gesüßt serviert, in diesem Fall mal nicht. Der Würfelzucker ist riesig.

 


Bei der Weiterfahrt nach dem Essen fallen uns in den Bäumen links und rechts der Strasse immer wieder seltsame Kletterkünstler auf…

 


… die sich bei näherem Hinschauen als Ziegen erweisen.


Ich erinnere mich an den professionell aufgesagten Vortrag des Apothekers auf unserer Verkaufstour in Fes, der vom wertvollen Marokkanischen Arganöl und den beteiligten Ziegen sprach. Wie die berühmte Kaffeekatze fressen die Tiere die Früchte des Baumes, und kacken die ölhaltigen Kerne danach unverdaut wieder aus. Allerdings wird im Fall des Arganöls der bei weitem größte Teil der Ernte von Menschen eingebracht und ohne Ziegenbeteiligung verarbeitet. Ein besonderer Geschmack oder eine spezielle Wirkung durch den Ziegenpopo wird dem Öl meines Wissen auch abgesprochen. Its all about the Business!

 


Gegen frühen Nachmittag erreichen wir den Eingang zum Test-Pass.

 

Die Strasse ist in der Tat einspurig, aber in gutem Zustand. Stefan fährt vor und gibt direkt ordentlich Kniegas. Da die Hitze mittlerweile aber derart hoch ist, dass auch Kreislauf und Konzentration deutlich unter ihr leiden, müssen wir ihn etwas bremsen. Mir ist ohnehin völlig unklar, wie der Temperaturhaushalt bei diesem Kerl funktioniert. Anders als wir trägt er eine klassische Lederkombi mit Latzhose, die zusätzlich, damit er abends ÜBERHAUPT wieder aus ihr rauskommt, noch durch Skiunterwäsche ergänzt wird. Stefan verfolgt deshalb auch eine strenge once-a-day-Hosenpolitik, was bedeutet, dass er, egal unter welchen Bedingungen, seine Lederlatzhose nur einmal am Tag an- und später wieder auszieht. Wo wir anderen in einer heissen Pause schon mal die Buxe auf auf die Knöchel sinken lassen, bleibt er eisern in seinem Bratschlauch sitzen, um sich dann abends umso mehr zu freuen, wenn die Wurstpelle endlich runter darf.

 


Stefan, das Kamel unter den Bikern.



Da staunt die Mesh-Fraktion!


Wenn ich hier von hohen Temperaturen schreibe, dann meine ich nach mitteleuropäischem Maßstab in Wirklichkeit Hitze. Natürlich ist das eine subjektive Wahrnehmung, aber wenn wir beim Motorrad fahren in Marokko mal aufs Thermometer geguckt haben, und da stand 32°C, dann haben wir uns gleich gefreut, dass es heute nicht so heiß ist. Hier unten an der Auffahrt zum Test-Pass hat es locker über 40°C, und das bekomme nicht nur ich zu spüren, sondern auch mein Motorrad. Das fängt nämlich plötzlich munter an, mitten in der Fahrt unvermittelt auszugehen.
Das wäre einfach so ja schon mal ziemlich ätzend, aber in einer steilen Serpentine, mit 35kg Gepäck auf dem Hintern, auf einer einspurigen Strasse, mit LKWs im Gegenverkehr, da ist sowas wirklich Scheisse! Da Sprit und Funke vorhanden sind, habe ich zunächst die Tankentlüftung im Verdacht und fahre erstmal mit offenem Deckel. Aber daran liegt es nicht. Mit 50 Neustarts kämpfe ich mich hinter den anderen her auf den Berg hinauf und habe oben erstmal einen ordentlichen Hals.

 


Glück im Unglück: Statt eines Campingplatzes schiebt
uns der liebe Gott ein kleines Hotel unter den Popo.

 


Es heißt Bellevue und trägt diesen Namen völlig zu Recht.

 


Schrauben in 2200m Höhe.


Bei einem Glas Tee machen wir uns gemeinsam auf die Suche nach der Ursache des absterbenden Motors meiner F800. Die Symptome ergeben wenig Sinn, unter Vollast lief die Karre vorher in der Ebene tadellos, die Probleme traten erst am Hang und bei vergleichsweise moderaten Gaszugstellungen auf. In der Airbox werden wir erstmals fündig und fördern ordentlich Wüstenstaub zu Tage. Anders als die meines Erachtens übermotivierten Tenere-Fahrer hatte ich den Luftfilter nach dem Erg Chebbi nicht gereinigt. Ich spüle das gute Stück mit Benzin und mache direkt eine Testfahrt, bei der der Motor klaglos seinen Dienst verrichtet. Da mittlerweile aber auch die Umgebungstemperatur auf ein erträgliches Maß gesunken ist, bin ich nach wie vor nicht sicher, im Luftfilter den Schuldigen gefunden zu haben. Da sich die einzige BMW-Werkstatt in Marokko aber ohnehin im 400km entfernten Casablanca befindet, beschließe ich, es vorerst dabei zu belassen.

 


Das Bellevue ist einfach, aber schön.


Bei den Preisverhandlungen zieht der angestellte Portier die kann-ich-nicht-entscheiden-und-der-Chef-ist-nicht-da-Karte. Als Behrang bei unserem Preisangebot aber eisern bleibt, willigt der Portier schließlich ein, die Differenz zum Preis seines Chefs aus der eigenen Tasche zu bezahlen, falls dieser im Nachhinein nicht einwilligen sollte. Eine derart emotionale Verhandlungsstrategie haben wir bis jetzt auch noch nicht erlebt. Hut ab!

 


Die Dusche ist wie erwartet kalt, aber die Aussicht aus allen Fenstern ist einfach unschlagbar.


Als es dunkel wird, verabschiedet sich der Portier und geht nach Hause ins Tal. Sebastians Telefon nimmt er zum Laden mit, denn Steckdosen gibt es hier oben nicht. Das ganze Haus läuft auf 12V Solarstrom aus Autobatterien, die winzigen Birnchen an der Decke jedes Zimmers werden im Laufe des Abends immer dunkler, bis sie schließlich ganz erlöschen. Mit aufgesetzten Stirnlampen tasten wir uns durchs dunkle Haus und helfen King-for-a-day-Stefan bei der Suche nach einem Loch in seiner Isomatte. Wir werfen unseren Campingkocher indoor im Kamin an und wärmen die Reste einer Bolognese von gestern auf, die wir mit Brot essen. Dazu gibt es Datteln und eingelegte Oliven.

 

 

Nach dem Essen treffen wir über der Karte die Entscheidung, uns für ein paar Tage zu trennen. Stefan und Sebastian wollen im Atlas wandern gehen, ein Plan, den die beiden von Anfang an im Hinterkopf hatten. Behrang und ich würden derweil lieber noch ein paar Pisten fahren, wogegen sich Sebastian bisher stets ausgesprochen hatte. Bei dieser Aufteilung kommen also alle auf ihre Kosten. In 3 Tagen wollen wir uns dann in Marrakech treffen, um gemeinsam an den Atlantik zu fahren.

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