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Teil 1: Planlos-Tour Herbst 2012

Obwohl ich mit dem einen Fuß schon fast wieder auf der Fußraste der nächsten Tour stehe, bin ich Euch noch einen Bericht über meine letzte Fahrt schuldig. Nicht weil ihr ein kostenpflichtiges Motopoly-Abo oder sowas hättet, sondern weil ich den Bericht schon vor langer Zeit angekündigt habe. Und wenn man sowas mal gesagt hat, dann muss man es auch einlösen, sonst ist es Essig mit der Leserschaft.

Als echte Belastung bei der Erstellung eines Motorrad-Reiseberichts hat sich in jüngster Vergangenheit schon öfter die Fülle an Bildmaterial herausgestellt, die man von einer Reise mit nach Hause bringt. Ich finde das wahrlich erstaunlich: Das Equipment, das man sich eigentlich zur Belebung seiner Reisegeschichten und Erinnerungen zugelegt hatte (in der Hauptsache Foto- und Helmkamera) führt zuallererst dazu, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und den ganzen Reisedoku-Kladderadatsch gigabyteweise auf der Festplatte liegen lässt. Denn mit reinem Aussortieren ist es noch nicht getan: Vor allem das Videomaterial muss im besten Fall geschnitten und dann auf einen Server hochgeladen werden. Aber ich schweife ab!

 

Es ging im Frühherbst 2012 alles damit los, dass ich, nach einigem Hin und Her, in den letzten zwei Septemberwochen nichts zu arbeiten hatte. Das ist nicht weiter schlimm, aber zehn Tage in der Nase bohren möchte man ja auch nicht. Eine Spontantour musste also her – am Besten natürlich nicht allein!
Und was dann passierte, war quasi schon das erste Wunder unserer Reise, nämlich dass genau das, was sonst NIE klappt, diesmal geklappt hat: Mein berliner Freund Dirk konnte die drei magischen Motorradreise-Grundvoraussetzungen erfüllen, die da wären:

1. Im Besitz eines fahrfertigen Motorrades sein
2. Zeit haben
3. Über die nötige Liquidität verfügen

Ihr glaubt ja nicht, wie viele gemeinsame Motorradreisen schon an einem dieser drei Punkte gescheitert sind. Wenn ich auf jeder Solo-Tour nur einen Euro bekommen hätte! Dann wär ich jetzt fein raus!

Über das WOHIN wollten Dirk und ich uns erst unterwegs Gedanken machen, getreu dem etwas überstrapazierten Motorradreisemotto No plan is a good plan. Die grundsätzliche Tendenz war Süden, trockenes Wetter, gern ein bisschen Schottern und Offroad. Da wir beide keine Lust hatten, unsere vergleichsweise frisch aufgezogenen K60 schon auf der A9 runterzurapseln, haben wir uns kurzerhand eine Koje im Autoreisezug gebucht.

 

Immer wenn ich mit Flugzeug oder Bahn reise, dann bekomme ich kurz vorher Reisepanik. Ich denke dann immer, ich könnte zu spät kommen oder den Flug verpassen, das ist bei mir völlig normal. Und deswegen geht mir am Abend der Abreise auf der vollgestauten AVUS in Berlin schon ordentlich der Puls, als ich mich voll bepackt zwischen den Spuren durchschlängle. Rechtzeitig um kurz nach Acht komme ich an der Verladestation Wannsee an, und Dirk wartet mit seiner ebenfalls schwarzen 800GS schon am vereinbarten Treffpunkt.

Die Bahn hat zum Winterfahrplan übrigens alle Berlin-Verbindungen mit dem Autoreisezug gestrichen – bis auf die nach München. Auf den sieben anderen Strecken haben sie offenbar nicht genug Geld verdient. Mit der bei der Bahn üblichen Schuldumkehr klingt das so:  „In der Hauptstadtregion gäbe es zu wenige Interessenten, die bereit seien, einen ansatzweise kostendeckenden Preis zu zahlen.“

Nachdem wir erst unsere Motorräder auf den Waggon gestellt haben, stellen Dirk und ich uns selbst schnell noch ein paar Bierchen rein. Eine leichte Narkose kann bei vier Bikern pro Schlafwagenabteil nämlich nicht schaden. Ich habe Glück und erwische eine der unteren Liegen, die im Unterschied zu den oberen ganze 10cm länger sind (kleiner Tip für große Leute!).

 

Am nächsten Morgen kommen wir bei strahlendem Sonnenschein in München an. Wegen der Narkose hatten wir es am Abend natürlich nicht geschafft, uns Gedanken über unser Reiseziel zu machen. Also beschließen wir bei einem Becher Kaffee kurzerhand, zum Stilfser Joch zu fahren. Zum einen, weil Dirk dort noch nicht war, zum anderen, weil ich bei meinem ersten Besuch im April 2010 vor lauter Schnee die (laut TopGear) zweitschönste Passstrasse Europas eigentlich gar nicht gesehen habe. Im Grunde genommen also eine Premiere für uns beide!

 

 

Knapp 300 Kilometer sind es bis zum Stilfser Joch – mit ein paar kleinen Umwegen über günstig gelegene Seitensträßchen. Als erste Etappe zum Eingewöhnen ganz okay. Vor Ort wird sich sicher ein kleiner Campingplatz finden lassen der uns aufnimmt. Ich selbst habe vor zwei Jahren direkt am Fuß des über 3900m hohen Ortlers gecampt – und dabei im April ordentlich geschlottert. Mit ein Bisschen Glück ist es jetzt, Mitte September, noch etwas wärmer.

 

In Österreich ist unser erster Pass wenig spektakulär und sehr ermüdend zu fahren. LKW hinter Wohnwagen, Wohnwagen hinter Blechdosen schleichen sich den Fernpass hinauf und wieder herunter. Es bieten sich nur wenige Gelegenheiten zum Überholen – und selbst wenn – steht man am Ende doch wieder hinter einer Stoßstange.

 

Etwas Abwechslung verspricht da eine kleine Staffelübergabe, die wir auf am Blindsee arrangiert haben. Der bereits erwähnte Luz aus dem Forum ist einen kleinen Umweg gefahren, um uns an einer kleinen Raststätte zu treffen und Dirk seine geliehene Helmkamera zurück zu geben.

 

Luz, der morgens irgendwo in der Schweiz gestartet ist,  verspätet sich ein Bisschen, und so vertreiben wir uns die Zeit mit dem Nachspannen des Gepäcks und den ersten kleinen Umverteilungen des Gemeinschaftsbedarfs. Weiterhin stellen wir fest, dass mein baugleiches Motorrad (links) auf dem Seitenständer deutlich schräger steht, als das von Dirk. Eine kurze Untersuchung führt als Erklärung nicht die Schräglagenverwöhntheit meiner Maschine zu Tage, sondern einen abgenudelten Stopper am Seitenständer. Der führt dazu, dass der Hebel erst ein ganzes Stück weiter vorn einrastet, und das Gefährt daher mit größerer Neigung stehen lässt. Akuter Handlungsbedarf scheint zunächst nicht zu bestehen – und ich belasse es dabei.

 

Als Luz ankommt, erzählt er ein Bisschen von seiner Tour. 120 Gigabyte GoPro-Daten hat er gesammelt, es ging vorwiegend über unbefestigte Strassen in Ligurien, von denen Dirk und ich auch ein paar im Hinterkopf haben. Vom Wetter her scheint Luz einigermaßen Glück gehabt zu haben, nur nachts war es auf seinem stationären Campingplatz in 1600m Höhe wohl ziemlich kalt.

 


Luz ist ein SchniPo-Connaisseur, der hier in Österreich die Gelegenheit natürlich direkt beim Schopf ergreift.

 


Ich bleibe bei Käsespätzle und einem ehrlichen Salat, der sich als einzelnes SalatBLATT entpuppt. Im Magen bildet das Ganze ein energiereiches Brikett, dass mich locker durch den Tag bringt.

 

Wir tauschen letzte Tipps und verabschieden uns. Luz fährt weiter gen Norden, um seiner Reise in München auf dem Oktoberfest quasi noch die Schaumkrone aufzusetzen. Dirk und ich fahren in die entgegengesetzte Richtung, der Sonne und dem Wetterbericht hinterher.

 

Bei weiterhin prächtigem Wetter kommen wir zügig voran und erreichen am frühen Nachmittag einen der meistfotografierten Kirchtürme der Alpen. Aus Erfahrungen meines ersten Besuchs an dieser gutbesuchten Sehenswürdigkeit peile ich zielsicher den schmalen Seitenstreifen VOR dem offiziellen Parkplatz an, um der Parkgebühr-Wegelagerei zu entgehen. Auf dem Weg hierher hatten Dirk und ich außerdem endlich Zeit, uns über den weiteren Streckenverlauf Gedanken zu machen:

 

 

Na gut, dann kommen wir da also später noch mal drauf zurück.

Nicht ganz unerheblich für unsere Reiseplanung sind die Benzinpreise in den betreffenden Ländern. Vor allem Italien schlägt mit Preisen bis zu 2€/Liter unserer Meinung nach zu stark ins Kontor. Wo möglich, wollen wir kleine Schlenker ins jeweilige Nachbarland fahren: Statt den direkten Weg hinauf zum Stelvio zu wählen, biegen wir vorher rechts ab, und machen einen Abstecher in die Schweiz. Dort geht der Sprit derzeit sogar günstiger als in Deutschland über den Tresen. Wir tanken in Santa Maria auf dem Seitenständer dann so randvoll, dass uns die Suppe im aufrechten Stand wieder aus dem Deckel läuft. Um das kostbare Gut nicht zu vergeuden, gilt es also schnell wieder ein Bisschen Platz zu schaffen – und auf dem absolut menschenleeren Umbrail-Pass klappt das ganz wunderbar.

 


Wer zum Stelvio fährt, sollte dem Umbrail-Pass unbedingt einen Besuch abstatten. Freilaufende Kühe, Schotterpassagen und jede Menge wunderbar geschwungene Kurven. Das alles ohne eine Menschenseele zu treffen.

 


Gerade mal 4km weiter ist auf dem Stilfser Joch hingegen noch eine Menge los.

 

Wegen der fortgeschrittenen Stunde beschließen Dirk und ich aber, dass wir auf der Passhöhe des Stelvio einfach durchfliegen, und morgen noch mal wiederkommen. Schließlich haben wir bis jetzt noch keinen Schlafplatz. Und wenn es erstmal dunkel wird, dann kann es für uns entweder mühselig – oder teuer werden.

 

Schnell noch ein Foto von der Tibethütte, dann geht es ab ins Tal. Ein von mir auf halber Strecke angepeilter Campingplatz liegt leider schon im Winterschlaf, so dass Dirk und ich alle 48 Kehren bis ganz nach unten fahren. Erst in Prad werden wir fündig: Der Campingplatz Sägemühle ist mit Wellnessbereich und Hallenbad zwar ein paar Kategorien hübscher als nötig, aber wir nehmen in trotzdem.

 

Flugs werden die Kocher angeworfen und die Zelte aufgebaut. In einem winzigen Lädchen neben der schweizer Tankstelle hatten wir Eier, Speck, und Nudeln gekauft. Bei Spaghetti Carbonara und schweizer Bier sitzen wir noch eine ganze Weile vor unseren Zelten. Dirk hat ein kleines Notebook dabei, auf dem wir uns mögliche Strecken für den nächsten Tag anschauen, und ich checke via Internet das Wetter. Die Großwetterlage ist nicht mehr ganz so günstig – das Hoch über dem nördlichen Mittelmeer bekommt nämlich Besuch von einem Tiefausläufer aus dem Norden. Klingt, als sollten wir morgen besser noch mal Kniegas geben und ordentlich Kilometer machen…

 

2 Thoughts on “Teil 1: Planlos-Tour Herbst 2012

  1. keek on 28. Januar 2013 at 23:28 said:

    …und abends immer noch schön den Splügen-Pass reingepfiffen ;-),
    gefällt mir, sehr gut geschrieben und dokumentiert, danke.

    Bin gespannt auf den nächsten Teil!

  2. tokioman on 20. Februar 2013 at 15:00 said:

    Mönsch, darauf hab ich ja schon lange gewartet…sehr schön…besten Dank für die Unterhaltung :)
    Gruß Peter

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