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Międzywodzie, Choszczno und Morzyczyn

BMW-Kollege Mante und ich hatten uns Anfang Oktober zu einer flinken Herbst-Tour ver-abredet. Der Tag der Deutschen Einheit lag in diesem Jahr brückentechnisch günstig auf einem Dienstag. Ursprünglich wollten wir mit Susann und Björn zwei Tage lang den Harz unsicher machen. Dieser Plan fiel aber sprichwörtlich ins Wasser, oder besser gesagt, in den Regen. 

Die DWD-App legte uns stattdessen den trockenen Osten an Herz. Und wo könnte man den Tag der Deutschen Einheit besser begehen… als in Polen? Mante und ich waren mit dem Motorrad schon ein paar mal an der polnischen Ostsee, wo Cam-pingplätze und Pensionen wie Perlen auf einer Schnur direkt hinter den Dünen aufgereiht sind. Die Strandpromenaden selbst sind nicht sonderlich sehenswert, aber so spät im Jahr glücklicherweise ohnehin nur spärlich besucht.

Über die A11 (inklusive einer spektakulären Betonplatten-Passage kurz vor der Grenze) zwitschern wir zügig Richtung Stettin. Berlin ist ja nun für Motorradfahrer bekanntermaßen eine wenig erquickliche Gegend. Zu den wenigen Vorteilen gehört aber die Tatsache, dass man binnen 90 Minuten sprichwörtlich außer Landes und in einer Gegend ist, in der man kein Wort versteht (Sachsen-Witz hier einfügen). Wem geht bei polnischen Ortsnamen wie Choszczno, Morzyczyn oder Międzywodzie nicht das Traveller-Herz auf? 

Hinter der Grenze verlassen wir die Schnellstrasse und lassen uns vom Navi über kleine und kleinste Wege Richtung Nordosten leiten. Das polnische Hinterland ist hier zunächst von Nadelwäldern geprägt, später öffnen sich weite Flächen mit landwirtschaftlicher Nutzung. In den Wäldern fallen uns schnell Dutzende geparkte PKWs auf, deren Insassen sich auf Pilzsuche ins Unterholz geschlagen haben. An kleinen Tischen entlang der Strasse bieten viele von ihnen ihren Fund zum Verkauf an. Die Witterung war dafür in den vergangenen Tagen offenbar gut, und auch Mante findet später binnen kurzer Zeit einen ganzen Camping-Topf voller Röhrlinge.

Am frühen Nachmittag machen wir eine Kaffeepause auf einem Feld kurz hinter Charzyno (deutsch: Garrin). Ich schmeisse meinen holzbefeuerten Wasserkocher an und wir geniessen bei strahlendem Sonnenschein einen Cappuccino mitten auf einem Feld. Hinter uns schauen wir den Bauern bei der Kartoffelernte zu und nehmen uns vor der Abfahrt noch zwei handvoll liegengebliebener Knollen für das Abendessen mit.

Da die Tage zu dieser Jahreszeit schon merklich kürzer werden, sind wir am späten Nachmittag schon auf Nachtlager-Suche am Meer. Trotz der erwähnten Promenaden-Perlenkette finden wir einen schönen Spot zum Wild-Campen, direkt in den Dünen. Nach einigem Abwägen entschliessen wir uns dann aber doch für den letzten noch geöffneten Campingplatz in Sarbinowo. Wir sind die einzigen Gäste. 

Bei einbrechender Dunkelheit suchen wir in den Dünen ein bisschen Holz zusammen und machen damit ein Feuer am Strand. Wir braten Zwiebeln und Würste, kochen die gefundenen Kartoffeln im Wasser der Ostsee. Die Wellen rauschen, die Sterne funkeln – ein 10.000-Sterne Restaurant!


Die Nacht bleibt mild, am nächsten Morgen weckt uns die Sonne. Es gibt Eier mit Speck. Wir packen unsere Piselotten zusammen und fahren über die Dörfer Richtung Süden. Der Plan ist folgender: Der Wetterbericht prognostiziert den Durchzug eines ausgedehnten Regenbandes, dem wir nicht ausweichen können. Ab 16h soll es durchgehend bis zum nächsten Morgen schauern. Bis dahin wollen wir so weit kommen wie möglich, um dem Regen dann mit bereits aufgebautem Tarp und Zelten gelassen zu begegnen.

 

 

Über die Hälfte der Fläche Polens wird landwirtschaftlich genutzt, sagt Wikipedia. Ein Eindruck, der sich hier im flachen Nordosten bestätigt. Einzig bei unserer Durchfahrt durch den Drawsko-Landschaftspark wird das Fahren interessanter. Wir schlängeln uns an Seen vorbei durch Buchenwälder, die Strecke macht richtig Spaß. Empfehlenswert.

Ab Nachmittag halten wir Ausschau nach einem Platz für die Nacht. Angesichts der Tatsache, dass schon an der touristischen Küste die meisten Campingplätze geschlossen hatten, entscheiden wir uns, wild zu campen und direkt nach einem abgeschiedenen Plätzchen zu suchen. Als wir die Warthe bei Obrzycko überqueren, haben wir spontan die selbe Idee: Mante biegt hinter einer Brücke ab und fährt schnurstracks in einen Wald. Ein paar schlammige Kilometer weiter haben wir unseren Platz gefunden.

Mante schlägt sich auf der Suche nach ein paar Pilzen direkt in die Büsche, ich sammle Feuerholz. Wir sind über die Schön- und Abgelegenheit unseres Fleckchens am Fluß derart verzaubert, dass wir beim weiteren Aufbau unseres Lagers ein bisschen schlampen. Als es tatsächlich um 16 Uhr beginnt, zu regnen, spannen wir hektisch das Tarp und unsere Zelte auf. Es regnet in Ströhmen.

Erst habe ich Bedenken, dass auf unseren Klappstühlen im polnischen Wald nun die große Langeweile ausbricht. Aber wer ein kleines Feuerchen vor sich hat, den züngelnden Flammen zusieht, der muss sich eigentlich keine Gedanken machen. Wir stellen jeweils einen Suppentopf mit Gemüse, Wurst und Gänseschmalz auf Mantes zwei Hobo-Öfen und lassen das ganze dann ein Stündchen köcheln. Während wir warten, sammeln wir Regenwasser vom Tarp, füttern das Feuer und schauen den Enten auf dem Fluss zu. Es regnet die ganze Nacht hindurch. Ich wache ein paar mal von leisem Geraschel im Wald auf. In der Ferne ist ein Güterzug zu hören.

Am nächsten Morgen haben wir etwas Mühe, einigermaßen trockenes Holz für den Kaffee zu finden. Aber wenn der Ofen erst mal an ist, muss man nur aufpassen, dass immer genügend Material nachgelegt wird. Unsere Benzin-Kocher wären die sicherere Bank gewesen. Aber Holz ist spannender. Es gibt gebratene Waldpilze mit Eiern zum Frühstück. Als der Regen endlich aufhört, packen wir die nassen Zelte ein und machen uns auf den Weg. Auf Landstrassen fahren wir bis kurz vor die Grenze, von dort bringt uns die Autobahn bis nach Berlin.

 

Es war ein schöner Ausflug, trotz Regen in der letzten Nacht. Und nass geworden sind wir ja auch nicht, nur das Material. Gern wieder, Mante!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Thoughts on “Międzywodzie, Choszczno und Morzyczyn

  1. Mante on 2. November 2017 at 18:51 said:

    Joa astrein!

  2. Manni on 2. November 2017 at 18:59 said:

    Schön geschriebener Bericht :)

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